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Mathias Buettner schrieb am 14. Mai 2012 zuOnline Trends

Geschichten aus 1001 Database

Daten sind Storys!

Das Thema Daten ist nicht gerade sexy. Entweder einem kommen seitenlange kryptische Tabellen mit einer unüberschaubaren Informationsflut in den Sinn, die eher von Maschinen für Maschinen gedacht sind, oder man denkt an die ermüdenden politischen Debatten rund um den Datenschutz, die der Entwicklung immer drei Schritte hinterherlaufen, und man beginnt zu gähnen.

Auch auf der re:publica war die Angelegenheit nicht unter den Trending Topics der Berichterstattung, obwohl das Thema durchaus in mannigfaltiver Ausprägung in Panels verhandelt wurde: vom Data Mining über den selbstbestimmten Umgang mit Daten bis hin zum Krieg um Daten. Ein Highlight war für mich der Vortrag von Stefan Plöchinger und Lorenz Matzat mit ihrem Projekt Zugmonitor.

Der spannende Punkt dabei war nicht nur, wie man öde Rohdaten der Deutschen Bahn gewinnen und anschließend anschaulich und sinnvoll aufbereiten kann, sondern wie man daraus auch noch eine journalistisch relevante Geschichte macht. Der Datenjournalismus (beziehungsweise Data Driven Journalism) präsentiert sich als die große Innovation und Chance des Online-Journalismus.

Wir kennen sie alle zur Genüge, die sich wiederholenden Berichte zur Unpünktlichkeit der Bahn. Wie bei jedem Thema, das eine große Zahl von Menschen betrifft, sind die Verspätungen der Bahn ein Klassiker unter Journalisten – wie das verrückt gewordene Wetter. Nun hat sich die Süddeutsche Zeitung den Trainmonitor des OpenDataCity auf die Website geholt – und damit einen Mehrwert geschaffen, der weit über den reinen Bericht hinausgeht. Das Medienhaus unterfüttert damit nicht nur einen Artikel mit Fakten (wie bei einer Infografik), sondern nimmt die aggregierten oder recherchierten Daten zum Anlass für die Berichterstattung.

Und das ist das wirklich Neue am Daten-Journalismus: Die Daten sind nicht Beiwerk, sie sind die Story.

Zunächst werden die Rohdaten recherchiert, dann interaktiv aufbereitet und letztendlich von einem Artikel begleitet oder als Themenschwerpunkt veröffentlicht. Wenn neben der aufbereiteten Variante auch noch die Rohdaten zur Verfügung gestellt, vielleicht sogar über eine API weitere Verwendungsmöglichkeiten eröffnet werden, ist das investigativer Journalismus in Höchstform.

Ein weiteres Beispiel hierfür ist die Berichterstattung des Guardian zum Rüstungsbericht des Friedensforschungsinstituts SIPRI vom April 2012. Überhaupt findet man im Guardian einen Vorreiter dieser journalistischen Gattung. Im Onlineauftritt gibt es seit 2009 den Menüpunkt DATA und eine Menge databasierter Berichterstattung wie aktuell die großartige Visualisierung der Gay rights in den Staaten der USA.

Warum Datenjournalismus?

Die Webpräsenzen der großen Printitel haben sich zwar in den letzten Jahren gut entwickelt, doch bleibt gerade das interaktive Potential des Mediums bisher oft weitestgehend ungenutzt. Text und Bild der gedruckten Ausgabe wurden ergänzt durch Audio und Video – beide eigentlich nicht gerade Kerngeschäft der Verlage.

Durch ansprechend, interaktiv, vielleicht spielerisch aufbereitete Daten können die Online-Portale ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber ihren gedruckten Mutterblättern etablieren und ihre Stärke ausspielen. Dabei bleiben sie auch noch bei ihren Kompetenzen und ihrer Herkunft treu, denn Infografiken gehören seit jeher zum Print.

Dass sich journalistisch aufbereitete Daten im Medienangebot auch lohnen können, zeigt der Texas Tribune: In der Online-Ausgabe der Zeitung findet der Texaner Daten zur Qualität der Schulen, zur Kriminalität oder zur Wahlkampf-Finanzierung in seiner Region. Das Angebot läuft so gut, dass das eigentlich stiftungsfinanzierte Verlagsangebot mittlerweile sogar Gewinn abwirft.

Woher die Daten?

Mit data.gov oder data.gov.uk bieten die angloamerikanischen Länder in Sachen Open Data viel Material für Data Journalisten. Aber auch Berlin oder Wien haben gute Ansätze in diese Richtung. Grundsätzlich eröffnet das Informationsfreiheitsgesetz seit 2006 auch in Deutschland viele neue Wege zu den Daten von Bundesbehörden – auch wenn die Bewegung hin zu mehr Informationsfreiheit (wohl kulturbedingt) noch nicht ihren Weg zu allen Mitarbeitern in den Ämtern gefunden hat. Da heißt es dann, hartnäckig sein – eine altbewährte Tugend im Journalismus.

Eine andere Möglichkeit Daten zu recherchieren, ist natürlich, sie selbst zu aggregieren. So werden auch für Zugmonitor die Daten einfach von der Website der Deutschen Bahn gescrapet und auf eigenen Servern gespeichert, da die Bahn selbst keine Rohdaten über Verspätungen ausgibt.

Ein gutes Tool zur einfachen Visualisierung von Rohdaten bietet übrigens Google mit Fushion Tables. Einfach Daten hochladen und Feintuning starten. Die Darstellungsarten wachsen ständig, wie man gut am Parteispenden-Netzwerkgraphen sehen kann, der mit Fushion Tables aus den Daten des Parteispenden-Recherchetools der taz erzeugt wurde.

Daten gibt es jedenfalls genug. Wir produzieren sie täglich nebenbei, sozusagen als Abfallprodukt, mit unseren Wettermessstationen, beim Einkaufen und Bezahlen, bei der Bewegung durch den Raum mit unseren Smartphones usw. Es gab noch nie so viele Daten wie heute – doch was bringt schon die reine Datenflut? Genau hier zeigt sich die (neue)  Existenzberechtigung des Journalismus stärker denn je.

Next Step Robojournalismus?

Wie Lorenz Matzat in seinem Beitrag zur Veranstaltungsreihe twenty.twenty aufzeigt, gibt es bereits heute Ansätze, Artikel auf Basis von Daten von Robots schreiben zu lassen. Wird der Journalist also überflüssig?

Nein, sicher nicht. Denn die reine Darstellung oder sprachliche Wiedergabe von Daten ist noch kein Journalismus. Sie müssen ausgewählt und interpretiert werden, oft auch erklärt. Eine gewissenhafte Recherche, die auch subjektive, intensionistische Auswahl und die professionelle Aufbereitung eines Stoffes sind die Kompetenzen des Journalismus. Beim Datenjournalismus werden eben diese Stärken wesentlich.

Eine gute Visualisierung von Daten unterstützt die Presse bei ihrer Arbeit und zeigt neue Themen auf (wie das Bewegungsprofil des Grünen Politikers Malte Spitz aus 2011 zur VDS). Es gibt jede Menge Geschichten zu erzählen, die hinter Zahlen- und Buchstabenkolonnen lauern. Es liegt an den Journalisten, diese zu finden und die passenden Narrative zu entwickeln. Dann muss einem um die Verlagshäuser und ihre Qualitätspublikationen nicht bange sein. Im Gegenteil: Der Datenjournalismus eröffnet Chancen, die es im Print nicht gab.

> OpenDataCity, die den Zugmonitor gebaut haben und gerade für 2 Grimme Online Awards nominiert sind

Sebastian Baumer schrieb am 9. Mai 2012 zuEvents

Mitten im Mainstream – Die re:publica 2012

Ein kleiner Rückblick auf die re:publica 2012: Auch wenn der Veranstaltungsort, die Station Berlin, auf Twitter viel Zustimmung erntete, war ich selbst doch nicht auf Anhieb überzeugt. Die familiäre Atmosphäre des Friedrichstadtpalastes und der Kalkscheune, sowie der Standort mitten in Berlin waren für mich doch immer ein wichtiger Bestandteil der größten deutschen Netzkonferenz. Das neue Gelände mit seinen (Sponsoren- und Info-)Ständen in der Haupthalle rief bei mir doch eher IT-Messe- und Lagerhallen-Assoziationen hervor, auch wenn mir im Verlauf der Veranstaltung klar wurde, dass der Umzug wohl einfach sein musste, um die Veranstaltung konzeptuell weiterzuentwickeln: Mehr Platz, dadurch deutlich weniger Überfüllung, schneller Wechsel zwischen den Sessions – am neuen Veranstaltungsort alles kein Problem, kein wildes Gedränge in engen Hinterhöfen, um in einer der Geheimtippveranstaltungen doch noch einen Platz zu ergattern. Und da im direkten Umkreis nicht allzuviele gastronomische Ausweichmöglichkeiten sind, blieb auch beim Abendprogramm ein großer Teil der Gäste im Außenbereich der Station mit re:fill-Bar und die Runde zersplitterte sich nicht auf verschiedene Orte, wie es bisher immer der Fall war. Die übliche Frage: “Auf welche Party gehst Du heute Abend und mit wem?” war damit eher hinfällig.

Die Qualität des Programms war dabei 2012 völlig subjektiv betrachtet um einiges höher als in den letzten Jahren, aber vielleicht lag das auch nur an einem glücklichen Händchen bei der Auswahl aus dem breiteren Angebot mit jeweils sieben verschiedene Tracks, die parallel liefen und die in verschiedene Schwierigkeitsstufen unterteilt wurden. Andere Stimmen wollen ähnlich schwache Vorträge wie in den letzten Jahren beobachtet haben (vor allem bei den üblichen Verdächtigen, die im Grunde jedes Jahr den gleichen alten Quark erzählen und um sich selbst kreisen).

Für mich besonders sehenswert am Ersten Tag: “Make Love Not Porn” von Cindy Gallop, die mit ihrem Projekt über die Unterschiede zwischen Pornographie und echtem Sex aufklären und damit jüngeren Menschen, die quasi von Pornographie im Netz sexuell sozialisiert wurden, zeigen möchte, wie konstruiert dieses Bild von Sexualität zum größten Teil ist. Sehr spannend im Anschluss die internationale Session “Twittern aus dem All für die digitale Öffentlichkeitsarbeit” mit echten Astronauten von verschiedenen Raumfahrorganisationen, die über ihre Erfahrung mit Social Media berichten. Leider blieb der Saal halbleer. Stattdessen laut Berichten komplett gefüllt: Deutsches Blogosphären-Bashing, das zwar am Ende auf das Fazit kommt, dass in der Szene mehr an einem Strang gezogen werden muss, aber dennoch nicht müde wird, zu erklären, wie weit die Amerikaner uns doch angeblich vorraus sind (vor allem in Sachen “Reichweite”). Nun ja. Sehr gerne gesehen (aber leider verpasst) hätte ich außerdem Kixka Nebraska mit “About Me – die digitale Fassade” über Identitätskonstruktion im Netz, die im letzten Jahr einen überraschend guten Vortrag hielt und laut mehreren Berichten auch in diesem Jahr wieder ein Highlight des Programms bot. Unvermeidlich und wie immer sehr unterhaltsam im Anschluss: Sascha Lobo, der sich in Anlehnung an The Oatmeal in seinem “Überraschungsvortrag” (Video bei Spiegel Online) dem Zustand des Internets 2012 annahm, zu Recht diverse hippe und weniger hippe Apps und Social Networks (Instagram, Pinterest, Google+) für völlig irrelevant erklärte und die langsame Ankunft von Netzthemen im Mainstream attestierte – nicht zuletzt auch am Beispiel der Piraten.

Tag Zwei: Meine persönlich größte Enttäuschung der #rp12: Das Panel “Übermorgen TV” mit u.a. @sixtus, @MrsBunz und @ChristophKappes, das als Diskussionsrunde zu ein paar in Zukunft vermeintlich wichtigen Themen im Netz angelegt und mit sehr guten Videoeinspielern aus der gleichnamigen Serie als Themenaufhänger unterlegt war. Leider wirkten alle auf der Bühne sitzenden Personen völlig unvorbereitet, hatten wenig bis gar nichts zu den Themen zu sagen und auch das Publikum wollte nicht den Lückenfüller spielen. Irgendwann: Saalflucht. Deutlich interessanter im Anschluss: Das leider wiederum nur sehr schlecht gut besuchte Panel “From Dissent to Disillusionment” zum arabischen Frühling auf der großen Bühne, Teil einer Reihe von politischen Sessions am Tag Zwei. Überhaupt ein Problem der re:publica (wie auch in den letzten Jahren): Die internationalen und zum Teil hochinteressanten Themen, die zu Recht aufgrund ihrer Relevanz der großen Bühne platziert werden, ziehen deutlich weniger Menschen an, als nerdige Selbstreferenz-Sessions – Foodblogs sind beim Publikum einfach populärer als Revolutionen. Ein echtes Highlight unter den Selbstbeleuchtersessions ist für mich hingegen “Blogger im Gespräch” mit Moderator Philip Banse über herausragende Blogprojekte aus dem letzten Jahr in Deutschland, in dem vor allem Raul Krauthausen und seine Idee der Wheelmap nachhaltig Eindruck hinterlassen. Am Abend noch eine überraschend gute Veranstaltung: “Poetry Spam” ersetzt die bisherige (und leider immer unsäglich unwitzige) Twitterlesung und zitiert aus Spam-Mails mit fast poetischer Qualität. Sehenswert.

Tag Drei: Das Problem, das Twitter zumindest in Teilen seiner Userschaft hat, könnte man nicht deutlicher ausdrücken, als es Katie Stanton, Head of International Strategy bei Twitter, mit ihrem eher belanglosen Vortrag “Twitter joining the Conversation” tut: Fernsehen, Sport und Politik (aber nur im Fernsehen und passiv) werden als die großen Use-Cases für den Microbloggingdienst präsentiert. Der einzige spannende Moment des Vortrags: Als jemand im Publikum fragt, was jetzt eigentlich mit Posterous passieren wird, das Twitter kürzlich gekauft hat. Keine Auskunft, natürlich. Man hätte ihr am Ende fast empfehlen wollen, selbst mal ein bisschen auf Entdeckungsreise durch ihre Plattform zu gehen und zu beobachten, was sich da eigentlich sonst noch so alles tummelt an interessanten Themen und Menschen, für die das Medium nicht nur ein Begleitkanal zu Ereignissen in Massenmedien ist. Eines der besten Beispiele folgt direkt im Anschluss: Regierungssprecher Steffen Seibert, der erzählt, wie er mit seiner sehr sympathischen “Ich probier das einfach mal aus”-Sicht nach und nach Twitter als interessantes Kommunikationsmedium entdeckt und trotz CDU-Mitgliedschaft bei einem Großteil der Anwesenden Sympathiepunkte durch seine lockere, unterhaltsame und gleichzeitig sehr professionelle Art einheimst. Sehenswert außerdem: Kathrin Passig mit “Standardstituationen der Technologiebegeisterung” (Video bei Spiegel Online), die uns noch einmal eindrucksvoll demonstriert, was unter anderem bei der Erfindung der Bahn, des Telegrafen und des Films alles prophezeit wurde bis hin zum Weltfrieden. Das Fazit der Session: Technologie verändert so gut wie nie irgendetwas von sich aus, ruft aber immer unter Menschen die (meist leider utopische) Hoffnung hervor, dass sich aus ihr auch eine große gesellschaftliche Verbesserung ergibt.

Am Ende war eigentlich alles wie immer, nur mit deutlich mehr Teilnehmern und mit gefühlt mehr Mainstreamthemen (was aber nicht an einer Anpassung der Veranstaltung lag, sondern daran, dass “unsere” Themen auch gesamtgesellschaftlich im letzten Jahr deutlich mehr in den Fokus rückten): Die re:publica ist ein Event, auf die man jedes Jahr sehr gerne geht, um ein paar nette Menschen wiederzutreffen, neue kennenzulernen, sich ein paar gute Vorträge anzuhören und sich über ein paar schlechte zu ärgern. Alles im grünen Bereich.

Nicole Pingel schrieb am 19. April 2011 zuEvents

re:publica 11 – Von Trollen und Feministinnen


Der 13. Stock hat die re:publica in diesem Jahr geschlossen besucht. Da können wir es uns nicht nehmen lassen, auch einen Beitrag in den Pool der Rückschauen zu werfen.

Was wir ausdrücklich nicht wollen, ist Kritik oder Lob an der Organisation der Veranstaltung zu äußern. Das wurde bereits zur Genüge getan und Besserung für das nächste Jahr wurden ja auch bereits von Seiten des Veranstalters angekündigt. Stattdessen wollen wir einzelen Panels noch einmal inhaltlich Revue passieren lassen, intelligente Aussagen bündeln, den Versuch unternehmen, die re:publica in ihrer Vielseitigkeit im Nachhinein abzubilden.

Jedes Panel war einem der folgenden Tracks zugeordnet: Business, co:funding, Digital Culture, Fun, Law, Makers & Technology, Media, Partner, re:design, re:open, re:learn, re:play, Society. Aus diesen Tracks wollen wir einzelne Panels exemplarisch hervorheben.

re:learn

Den Anfang macht der Vortrag, der wohl den meisten Zuspruch von den anwesenden Netzmenschen bekommen hat: Am Donnerstag machte sich Gunter Dueck dazu auf, den Zuschauern im Friedrichsstadtpalast zu erläutern, warum das Internet mittlerweile als Betriebssystem unserer Gesellschaft angesehen werden kann und welche Folgen das in Zukunft haben könnte.

Warum Dueck so viel realen und virtuellen Applaus für seinen Vortrag geerntet hat? Bitte sehen Sie selbst!

Ebenfalls im Track re:learn lief das Panel „Digitales Leben in der analogen Schule“, das gewissermaßen zugleich einen Blick in die Vergangenheit (Erinnerungen an die eigene Schulzeit) und in die Zukunft (der Schulpädagogik) gewährte. Zentrale Frage: Wie lassen sich Schulbildung und Pädagogik mit der digitalen Welt vereinbaren? Wie sich zeigte sind es wie überall auch in den Schulen die Querdenker und Freigeister, die kleine Revolutionen vorantreiben, vom Referenten Jöran Muuß-Merholz (@jmm_hamburg) neoligistisch als Bildungshacker und Edupunks bezeichnet. Für Schüler wird dieses Engagement offenbar auf lange Sicht vorallem die Art zu lernen verändern: So wird zum Beispiel in der Schule der Referenten André Spang und Roman Deeken ergänzend zu realen Instrumenten mit iPads (Garage Band) musiziert, das Tablet wird aber auch für Recherche und Reproduktion des Wissens eingesetzt. Und es ersetzt das Hausaufgabenheft.

Aber auch die Arbeitsweise und Rolle des Lehrers wird sich über kurz oder lang überholen, wie schon heute Felix Schaumburg (@schb), ein Lehrer aus Wuppertal, zeigt. Wichtige Nachrichten für die Klasse werden nicht mehr nur dem Klassensprecher zum Weitersagen mitgeteilt, sondern auch über Facebook verkündet. Das Klassenbuch wird digitalisiert und auch das Fächersystem des Lehrerzimmers wird mit digitalen Hilfsmitteln untergraben. All das unter dem Leitsatz: „Papier brauchen wir hier nicht mehr“. Alles in Allem wirkte Schaumburg während seines Vortrags wie ein verschmitzter Matrose, der seine eigene kleine Meuterei leitet, ohne dass es bisher jemand mitbekommen hätte. Trotzdem hoffe ich, dass das Beispiel des innovativen und in die Zukunft blickenden Lehrers im wahrsten Sinne des Wortes Schule machen wird. Denn solche Lehrer braucht das Land: Pädagogen, die sich immer mehr als Navigatoren durch die Welt des Wissens verstehen, denn als Prediger.

re:play

Der Track re:play wurde von uns nur rudimentär besucht. Einen Einblick in die Thematik bietet jedoch das folgende Video, in dem Sebastian Deterding ein Interview zum Thema Gamification (das Einbetten von Spielemechanismen in Online-Präsenzen jeder Art zur Aktivierung und Motivation von Nutzern).

re:open

Der kleine Saal der Kalkscheue stand am ersten Tag im Zeichen des Tracks re:open. Diskutiert wurde die Offenheit von Daten in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen. Außerdem wurden Ansätze vorgestellt wie es im Rahmen des Journalismus (Data Journalism) möglich ist, offene Daten zu strukturieren und auf eine Weise aufzubereiten, die verständlich ist und eine Botschaft transportiert.

Der Vortrag von Christina Elmer (dpa), die ich reichlich praktische Tipps & Tricks verriet, ist mittlerweile auf SildeShare zu finden: www.slideshare.net

Digital Culture

Auch für die masochistisch veranlagten re:publica Besucher war einiges geboten. Wer sich einmal gepflegt beschimpfen lassen wollte, war in der Session von Sascha Lobo zu den jüngsten Erkenntnissen der von Lobo initiierten „Trollforschung“ sehr gut aufgehoben. Denn die (mehr oder weniger) fremdbestimmte Galionsfigur der deutschen Social Media Szene nutzte die Zeit um erst einmal in bester Troll-Manier zu pöbeln – über die fehlende Sichtbarkeit, die Passivität und den fehlenden Gemeinschaftsgeist der deutschen Netzmenschen. Nach dem Switch zum eigentlichen Thema und einige Thesen sowie erheiternde Anekdoten später, kam Lobo zu dem Schluss: „Für das Ökosystem Social Web sind Trolle essentiell“. Wer wissen will, welche Gedankengänge zu diesem Fazit führten, darf sich hier am Play Button bedienen.

Society

Der Track Society bestand aus einer Reihe an denkbar ambivalenten Themen. Vor allem im Nachgang für Gesprächsstoff gesorgt,  haben die Panels zum Feminismus und seiner Gestaltung in der digitalen Welt (z.B. „How Feminist digital Activism is like the Clitoris“). Aber auch die lediglich halbstündige Session mit dem zunächst unscheinbaren Titel „Die Digitale Gesellschaft“ sorgte im Nachhinein für einiges Rauschen in den Blog- und Twitter-Wäldern.

Markus Beckedahl, unter anderem Co-Veranstalter der re:publica, machte sich auf um die Gründung eines gleichnamigen Vereins bekannt zu geben. Ziel des Vereins soll es vor allem sein, Infrastrukturen und Plattformen für netzpolitische Kampagnen bereitzustellen, die die Gesamtbevölkerung erreichen sollen. Außerdem soll der Verein als Interessensvertretung der Netzwelt fungieren. Die Anhänger dieser Welt überhäuften die Initiative jedoch sofort und anhaltend mit Kritik. Hauptangriffspunkt stellt der Umstand dar, dass der Einzelne (Außenstehende) ohne Stimmbeteiligung bleibt und lediglich durch finanzielle Unterstützung an der Digitalen Gesellschaft e.V. partizipieren kann. Gestern reagierte Beckedahl ausführlich auf alle Kritikpunkte, die Debatte wird jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter anhalten.

Auch das altbekannte Thema Datenschutz spielte in diesem Track selbstverständlich eine Rolle. Da die Debatten jedoch nichts neues zu Tage gefördert haben, stellen wir an dieser Stelle lieber ein Video zum Thema Datenschutz vom bayrischen Jugendsender on3 südwild vor, das zum Teil auf der re:publica produziert wurde. „Datenschleuder vs. Datenschützer“ – Hier geht’s lang.

Zu guter Letzt

Als Kirsche auf dem Pudding hier noch ein paar Abschluss-Impressionen, überaus ästhetisch in Szene gesetzt von den fleißigen Helferlein der re:publica 11.

Wiebke Uhlenbroock schrieb am 21. April 2010 zuEvents, People

re:publica 2010: US-Blogger Jeff Jarvis über Privatsphäre, Öffentlichkeit und … Genitalien

Im Rahmen der re:publica 2010, die vergangene Woche in Berlin stattfand und über 2000 begeisterte Blogger und Social Media-Interessierte in die Hauptstadt lockte, hat mich ein Vortrag besonders fasziniert.

Unter dem vielversprechenden Titel ‘The German Paradox: Privacy, Publicness and Penises’ referierte US-Blogger und Journalist Jeff Jarvis (Autor von ‘What Would Google Do?’) über Privatsphäre und Öffentlichkeit im Internet und das berühmte ‘Messen mit zweierlei Maß’.

Leidenschaftlich erklärte Jarvis, dass er durchaus eine gewisse Ironie in der Tatsache sieht, dass wir Deutschen zwar international dafür bekannt sind, wenig Hemmungen haben, uns in Saunen und an Stränden splitterfasernackt der Öffentlichkeit zu präsentieren, auf der anderen Seite viele fast penibel paranoid den Verlust von Privatsphäre in sozialen Netzwerken und Tools wie ‘Google Streetview’ befürchten. Jarvis selbst sieht einen ungeheuren Nutzen im Öffentlichmachen von Wissen und Informationen, betonte aber auch die Tatsache, dass der User durchaus in der Lage sein muss, den von ihm publizierten Content zu kontrollieren um nicht im Netz der unbegrenzten Möglichkeiten die Kontrolle über seine Identitäten (online wie auch offline) zu verlieren.

Da schließt sich die Frage an: Was sollte in sozialen Netzwerken eigentlich privat bleiben bzw. wie öffentlich sind Freundesfreunde? Denn: Während bei Weitem nicht alles, was via Facebook & Co kommuniziert wird die Öffentlichkeit tangiert bzw. für jegwege virtuelle Ohren bestimmt ist, gibt es durchaus auch sensible Themen, die auf den ersten Blick privat scheinen, jedoch bei öffentlicher Thematisierung vielen Menschen helfen und langfristig sogar Leben retten können. Jeff Jarvis sprach dabei seine eigene Prostata-Krebserkrankung an, die er bewusst in allen Einzelheiten in seinem Blog thematisiert hatte, um ebenfalls Betroffenen Mut zu machen und für das Thema Krebsvorsorge zu sensibilisieren.

Das Thema lies mich nicht los und während ich mich auf der Bahnfahrt am kommenden Tag mit einem bis dato mir unbekannten Unternehmensberater in leitender Funktion darüber unterhielt, klärte dieser mich auf, dass es bei Vorstellungsgesprächen durchaus Gang und Gebe ist, die Profile der potentiellen neuen Mitarbeiter genau unter die Lupe zu nehmen. “Das gehört schließlich zu meinen Hausaufgaben und hilft mir, vorab eine Einschätzung der Bewerber zu bekommen”, so der Manager.

Eine eindeutige Antwort auf die Frage, wie das ‘German Paradox’ in Zukunft behandelt werden sollte, konnte und wollte Jeff Jarvis mit seinem Vortrag nicht geben, sondern das gebannte Publikum vielmehr zum Nachdenken über eigene Erwartungen und das eigene Networking-Verhalten anregen und dem derzeitigen Privatsphäre-Hype mit der provokanten Gegenfrage entgegenzutreten: Welchen Wert hat Öffentlichkeit für uns?.

So sollte man sich durchaus der Tatsache bewusst sein, dass das Öffentlichmachen von Informationen oftmals zu stärkerer sozialer Interaktion, anregenden Diskussionen über den sprichwörtlichen Tellerrand bzw. die eigene Freundesliste hinaus und so zu interessanten Kontakten führen kann, auf der anderen Seite aber auch unangenehme Fragen im Vorstellungsgespräch wie z.B. ‘Wie war denn die Party letzten Samstag, Herr Müller?’ zur Folge haben könnte. Also: Was tun? Jarvis’ Argumentation folgend müsste die Antwort lauten: Öffentlich kommunizieren und dabei die Kontrolle behalten. Soll heißen: Selbstbewusst die eigene Meinung vertreten, kritisch hinterfragen und öfter mal den Mut haben, Privates öffentlich zu machen.

Schließlich beendete der rhetorisch brilliante Amerikaner seine Präsentation mit einer Einladung, ihm in der Sauna des Hotels Gesellschaft zu leisten und kam dabei mit einem Augenzwinkern auf seine eingangs formulierte provokante Frage zurück: “You have a dick. I have a dick. What’s the big deal?”.

Michael Nordmeyer schrieb am 3. April 2009 zuEvents

Eine Beobachtung von der re:publica’09

Der Vormittag findet wieder im Friedrichstadtpalast, der Nachmittag in der Kalkscheune. Anders gesagt bedeutet dies, dass es keine parallelen Sessions gibt. Für mich aber leider auch keine interessanten, nachdem die grandiose Session über “Social Media in the Mideast” gleich frühmorgens lief.

So dachte ich.

Stimmt aber nicht ganz.

Warum? – Nun, auf dem optisch schönen und eigentlich gut gemachten gedruckten Sessionplan stehen nicht die Namen der Vortragenden. Sehr unglücklich. Das Ergebnis ist, dass mir Vorträge vom Thema her total uninteressant vorkommen, obwohl die Sprecher sehr bekannt und interessant sind. In diesem Fall war es Cory Doctorow.

Wow! Was für einen Einfluss können bekannte Namen auf die Wahrnehmung von Vorträgen haben. Erst Flop, dann Top. Es würde mich interessieren, wie die Teilnahmen bei Vorträgen wären, bei denen entweder nur der Name auf dem Plan stehen würde, aber nicht das Thema, oder umgekehrt. Und wie die Kommentare der Teilnehmer bei der Sessionauswahl an der Sessionwall o.ä. wären.

Michael Nordmeyer schrieb am 2. April 2009 zuEvents

Conference Hopping Tag 07: Berlin

Der zweite Tag der re:publica’09 neigt sich dem Ende zu. Und er war schön.

Die von mir besuchten Sessions waren in meinen Augen deutlich inhaltsstärker, als die vom ersten Tag. Es tat der Konferenz gut, dass gegen Mittag vom optisch schönen Friedrichstadtpalast in die Kalkscheune gewechselt wurde.

Impressionen vom Friedrichstadtpalast Der Friedrichstadtpalast von innen

Ein paar Teilnehmer standen zwar etwas verwirrt zur Mittagszeit vor den dann schon verschlossenen Türen des Palastes, was sich dann aber schnell geklärt hat. Die kleinere Kalkscheune mit den vielen Räumen bietet besonders durch den zentralen Hauptraum und den angeschlossen offenen Garten ein dem Zusammenkommen der Teilnehmer wesentlich zuträglicheren Rahmen, ohne dass sich alles verläuft.

Nachdem ich mich mit einem durchschnittlichen Vortrag “Widgets vs. Security”, der die verschiedenen Widget-Systeme unter Windows bezüglich ihrer Missbrauchs-Sicherheit durch Dritte beinhaltete, aufgewärmt hatte, kam der erste inhaltlich wirklich gute Vortrag: “Blogging in Africa”. Geraldine de Bastion und Andrea Goetzke stellten diverse afrikanische Plattformen und Bewegungen vor, die mit modernsten Technologien auf Afrika zugeschnittene Dienste und Nachrichten anbieten:

  • Afrigator, ein News- und Blog-Aggregator
  • Global Voices, eine redaktionell erstellte Blogging-Newssite mit über 150 aktiven Authoren und Übersetzern
  • Kelele, die Afrikanische Blogger-Konferenz

Das Beste war allerdings Ushahidi: Crowdsourcing Crisis Information. Mit dieser Anwendung können negative Vorkommnisse in eine interaktive Karte à la Google Maps eingetragen werden. Die Berichte können per Mobile, E-Mail oder Web an Ushahidi verschickt werden. Großartige Umsetzung. Eingesetzt wurde das System für z.B. Kenia, Süd-Afrika, Kongo oder auch im Gaza-Streifen. Eine Information noch nebenbei: es gibt ungefähr 800 Blogger in Kenia.

Leider ist der Vortrag zur News-Aggregierung mit Rivva von Frank Westphal wegen Krankheit ausgefallen. Das fand ich besonders schade, da ich wegen paralleler Sessions so manche nicht sehen konnte und gerade zu diesem Zeitpunkt keine andere interessante lief.

Die von vielen als Session-Highlight empfundenen Session von Lawrence LessigRemix” entsprach den Erwartungen und war wie gewohnt sehr spannend und inspirierend. Ich mag seinen Vortragsstil und spezielle seine Folien sehr gern. Eine wunderbare Darlegung seiner Thesen zum Thema Copyright: Jede Nutzung von Internetinhalten erzeugt eine Kopie; Copyrightgesetze sind aus diesem Grund zumindest für Amateure obsolet.

Obwohl die Session für mich heute deutlich interessanter waren, sind die Gespräche, die außerhalb der Session geführt werden, immer noch das Interessanteste auf Konferenzen. Wenn es dann noch interessante Sessions gibt, werden die folgenden Gespräche noch spannender. Ich hoffe, dass es morgen genauso so schön weiter geht, wie der Tag heute endete.