schrieb am 9. Mai 2012 zuEvents
Mitten im Mainstream – Die re:publica 2012

Ein kleiner Rückblick auf die re:publica 2012: Auch wenn der Veranstaltungsort, die Station Berlin, auf Twitter viel Zustimmung erntete, war ich selbst doch nicht auf Anhieb überzeugt. Die familiäre Atmosphäre des Friedrichstadtpalastes und der Kalkscheune, sowie der Standort mitten in Berlin waren für mich doch immer ein wichtiger Bestandteil der größten deutschen Netzkonferenz. Das neue Gelände mit seinen (Sponsoren- und Info-)Ständen in der Haupthalle rief bei mir doch eher IT-Messe- und Lagerhallen-Assoziationen hervor, auch wenn mir im Verlauf der Veranstaltung klar wurde, dass der Umzug wohl einfach sein musste, um die Veranstaltung konzeptuell weiterzuentwickeln: Mehr Platz, dadurch deutlich weniger Überfüllung, schneller Wechsel zwischen den Sessions – am neuen Veranstaltungsort alles kein Problem, kein wildes Gedränge in engen Hinterhöfen, um in einer der Geheimtippveranstaltungen doch noch einen Platz zu ergattern. Und da im direkten Umkreis nicht allzuviele gastronomische Ausweichmöglichkeiten sind, blieb auch beim Abendprogramm ein großer Teil der Gäste im Außenbereich der Station mit re:fill-Bar und die Runde zersplitterte sich nicht auf verschiedene Orte, wie es bisher immer der Fall war. Die übliche Frage: “Auf welche Party gehst Du heute Abend und mit wem?” war damit eher hinfällig.
Die Qualität des Programms war dabei 2012 völlig subjektiv betrachtet um einiges höher als in den letzten Jahren, aber vielleicht lag das auch nur an einem glücklichen Händchen bei der Auswahl aus dem breiteren Angebot mit jeweils sieben verschiedene Tracks, die parallel liefen und die in verschiedene Schwierigkeitsstufen unterteilt wurden. Andere Stimmen wollen ähnlich schwache Vorträge wie in den letzten Jahren beobachtet haben (vor allem bei den üblichen Verdächtigen, die im Grunde jedes Jahr den gleichen alten Quark erzählen und um sich selbst kreisen).
Für mich besonders sehenswert am Ersten Tag: “Make Love Not Porn” von Cindy Gallop, die mit ihrem Projekt über die Unterschiede zwischen Pornographie und echtem Sex aufklären und damit jüngeren Menschen, die quasi von Pornographie im Netz sexuell sozialisiert wurden, zeigen möchte, wie konstruiert dieses Bild von Sexualität zum größten Teil ist. Sehr spannend im Anschluss die internationale Session “Twittern aus dem All für die digitale Öffentlichkeitsarbeit” mit echten Astronauten von verschiedenen Raumfahrorganisationen, die über ihre Erfahrung mit Social Media berichten. Leider blieb der Saal halbleer. Stattdessen laut Berichten komplett gefüllt: Deutsches Blogosphären-Bashing, das zwar am Ende auf das Fazit kommt, dass in der Szene mehr an einem Strang gezogen werden muss, aber dennoch nicht müde wird, zu erklären, wie weit die Amerikaner uns doch angeblich vorraus sind (vor allem in Sachen “Reichweite”). Nun ja. Sehr gerne gesehen (aber leider verpasst) hätte ich außerdem Kixka Nebraska mit “About Me – die digitale Fassade” über Identitätskonstruktion im Netz, die im letzten Jahr einen überraschend guten Vortrag hielt und laut mehreren Berichten auch in diesem Jahr wieder ein Highlight des Programms bot. Unvermeidlich und wie immer sehr unterhaltsam im Anschluss: Sascha Lobo, der sich in Anlehnung an The Oatmeal in seinem “Überraschungsvortrag” (Video bei Spiegel Online) dem Zustand des Internets 2012 annahm, zu Recht diverse hippe und weniger hippe Apps und Social Networks (Instagram, Pinterest, Google+) für völlig irrelevant erklärte und die langsame Ankunft von Netzthemen im Mainstream attestierte – nicht zuletzt auch am Beispiel der Piraten.
Tag Zwei: Meine persönlich größte Enttäuschung der #rp12: Das Panel “Übermorgen TV” mit u.a. @sixtus, @MrsBunz und @ChristophKappes, das als Diskussionsrunde zu ein paar in Zukunft vermeintlich wichtigen Themen im Netz angelegt und mit sehr guten Videoeinspielern aus der gleichnamigen Serie als Themenaufhänger unterlegt war. Leider wirkten alle auf der Bühne sitzenden Personen völlig unvorbereitet, hatten wenig bis gar nichts zu den Themen zu sagen und auch das Publikum wollte nicht den Lückenfüller spielen. Irgendwann: Saalflucht. Deutlich interessanter im Anschluss: Das leider wiederum nur sehr schlecht gut besuchte Panel “From Dissent to Disillusionment” zum arabischen Frühling auf der großen Bühne, Teil einer Reihe von politischen Sessions am Tag Zwei. Überhaupt ein Problem der re:publica (wie auch in den letzten Jahren): Die internationalen und zum Teil hochinteressanten Themen, die zu Recht aufgrund ihrer Relevanz der großen Bühne platziert werden, ziehen deutlich weniger Menschen an, als nerdige Selbstreferenz-Sessions – Foodblogs sind beim Publikum einfach populärer als Revolutionen. Ein echtes Highlight unter den Selbstbeleuchtersessions ist für mich hingegen “Blogger im Gespräch” mit Moderator Philip Banse über herausragende Blogprojekte aus dem letzten Jahr in Deutschland, in dem vor allem Raul Krauthausen und seine Idee der Wheelmap nachhaltig Eindruck hinterlassen. Am Abend noch eine überraschend gute Veranstaltung: “Poetry Spam” ersetzt die bisherige (und leider immer unsäglich unwitzige) Twitterlesung und zitiert aus Spam-Mails mit fast poetischer Qualität. Sehenswert.

Tag Drei: Das Problem, das Twitter zumindest in Teilen seiner Userschaft hat, könnte man nicht deutlicher ausdrücken, als es Katie Stanton, Head of International Strategy bei Twitter, mit ihrem eher belanglosen Vortrag “Twitter joining the Conversation” tut: Fernsehen, Sport und Politik (aber nur im Fernsehen und passiv) werden als die großen Use-Cases für den Microbloggingdienst präsentiert. Der einzige spannende Moment des Vortrags: Als jemand im Publikum fragt, was jetzt eigentlich mit Posterous passieren wird, das Twitter kürzlich gekauft hat. Keine Auskunft, natürlich. Man hätte ihr am Ende fast empfehlen wollen, selbst mal ein bisschen auf Entdeckungsreise durch ihre Plattform zu gehen und zu beobachten, was sich da eigentlich sonst noch so alles tummelt an interessanten Themen und Menschen, für die das Medium nicht nur ein Begleitkanal zu Ereignissen in Massenmedien ist. Eines der besten Beispiele folgt direkt im Anschluss: Regierungssprecher Steffen Seibert, der erzählt, wie er mit seiner sehr sympathischen “Ich probier das einfach mal aus”-Sicht nach und nach Twitter als interessantes Kommunikationsmedium entdeckt und trotz CDU-Mitgliedschaft bei einem Großteil der Anwesenden Sympathiepunkte durch seine lockere, unterhaltsame und gleichzeitig sehr professionelle Art einheimst. Sehenswert außerdem: Kathrin Passig mit “Standardstituationen der Technologiebegeisterung” (Video bei Spiegel Online), die uns noch einmal eindrucksvoll demonstriert, was unter anderem bei der Erfindung der Bahn, des Telegrafen und des Films alles prophezeit wurde bis hin zum Weltfrieden. Das Fazit der Session: Technologie verändert so gut wie nie irgendetwas von sich aus, ruft aber immer unter Menschen die (meist leider utopische) Hoffnung hervor, dass sich aus ihr auch eine große gesellschaftliche Verbesserung ergibt.
Am Ende war eigentlich alles wie immer, nur mit deutlich mehr Teilnehmern und mit gefühlt mehr Mainstreamthemen (was aber nicht an einer Anpassung der Veranstaltung lag, sondern daran, dass “unsere” Themen auch gesamtgesellschaftlich im letzten Jahr deutlich mehr in den Fokus rückten): Die re:publica ist ein Event, auf die man jedes Jahr sehr gerne geht, um ein paar nette Menschen wiederzutreffen, neue kennenzulernen, sich ein paar gute Vorträge anzuhören und sich über ein paar schlechte zu ärgern. Alles im grünen Bereich.


