Archiv für die Kategorie „Online Trends“

Sebastian Baumer schrieb am 17. Januar 2012 zuOnline Trends, Social Networks, Tools

Warum ich in Zukunft mit Bing google.

Google hat in den letzten Jahren Fehler auf Fehler auf Dummheiten gehäuft. Jetzt fängt der Internetgigant an, seine Kernfunktionen zu zerstören.

Es war eine höchst unschöne Geschichte, von der außerhalb der Vielnutzerkreise kaum jemand etwas mitbekommen hat: Ende des letzten Jahres entfernte Google die sozialen Funktionen aus seinem Feedreader. Völlig unbeobachtet von der Facebook- und Twitter-Masse war dort im Laufe der Jahre ein eigenes Biotop entstanden, ein kleiner Zirkel aus Bloggern, die sich gegenseitig folgten und per One-Klick lesenswerte Artikel miteinander teilten. Ein unaufgeregtes, langsames Miteinander, bei dem nicht die lustigsten Gif-Bilder, die dümmsten Kommentare und die größten Egos, sondern richtig gute Artikel im Zentrum standen. Das Ganze wurde ersatzlos entfernt, Protest zwecklos. Stattdessen führte Google im Reader an der entsprechenden Stelle einen +1-Button ein, mit dem man Artikel auf Google Plus sharen kann, dem hauseigenen Facebook-Klon, dem mit allen denkbaren Mitteln mehr Nutzer zugeführt werden sollen.

Die Abschaffung der Sharing-Funktion innerhalb des Google Readers steht in einer Reihe von Dummheiten, die Google in den letzten Jahren fabriziert hat, um den Vorsprung von Facebook in Sachen personalisierter Nutzerdaten aufzuholen. Google will mit allen Mitteln “Social” werden und schießt dabei einen Bock nach dem anderen. Sie tragen Namen wie Wave, Buzz, Klarnamenzwang und priorisierte e-Mail-Inbox.

Grundsätzlich waren diese Dinge allesamt sehr lästig, aber harmlos. In Summe betrafen sie hauptsächlich diejenigen User, die eigentlich zu viel Zeit im Internet verbringen und die einen Höllenspaß daran hatten, die tollpatischen Experimente der alten Tante Google auf Twitter und in Blogs zu belächeln und zwei bis drei Google-Fanboys, die endlich die Übernahme der Weltherrschaft in greifbarer Nähe sahen und sich “I have moved to G+”-Profilbilder in ihre Facebook-Accounts packten, nur um sie drei Wochen später kommentarlos und verschämt wieder zu löschen.

Das hat sich jetzt geändert. Ich kann vermutlich keine Argumente vortragen, die in den letzten Tagen nicht schon anderswo genannt wurden, aber ich möchte doch festhalten, warum ich Google mindestens testweise den Rücken kehren werde, weil ich der Meinung bin, dass jetzt eine Grenze überschritten wurde: Mit dem supersperrig benannten Feature “Search Plus Your World” zerschießt Google nämlich ab demnächst auch in Deinem Land seinen innersten Kernbereich: Die Suchergebnisse. Die Suche wird in Zukunft personalisiert, es werden Google Plus-Profile hoch gerankt und Artikel weiter oben angesiedelt, die von Personen empfohlen wurden, mit denen man über Google Plus verknüpft ist. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit der Normalnutzer, der maximal bei Gmail eingeloggt ist und kein Profil dort besitzt, diese Veränderung überhaupt wahrnehmen wird, aber ich erwarte eine neutrale Recherche nach neutralen Relevanz-Algorithmen, wenn ich einen Begriff in die Suchmaschine meiner Wahl eintippe. Ich erwarte einen hohen Grad an Verlässlichkeit und muss einem Tool vertrauen können, das ich jeden Tag mehrfach nutze.

Lese ich manchmal gerne, was das männliche Tech-Nerd-Publikum, dass sich auf Google Plus vorwiegend tummelt, zu verlinken und zu sagen hat? Ja, natürlich. Die Entwicklung im Großbereich Internet ist eines meiner Interessensgebiete, es ist schlussendlich auch mein Job. Will ich, dass diese Gruppe von Leuten dafür relevant dafür wird, was ich bei jeder meiner Suchanfragen zu Gesicht bekomme? Unter gar keinen Umständen. Ich habe in vielen, vielen Fällen, in denen ich Google bislang nutzte, nicht das geringste Interesse an dem heißesten Scheiß aus der Social Media-Filterblase, ich möchte mich nicht an noch mehr Werbung, als dort sowieso schon vorhanden ist, vorbeiscrollen müssen (und nichts anderes als Werbung für einen eigenen Dienst sind die Google Plus-Profile an prominenter Stelle in den Suchergebnissen), um zu den tatsächlich relevanten Sachen zu kommen. Und ich möchte eigentlich auch nicht sehen, wie demnächst Artikel darüber geschrieben werden, wie wichtig Google Plus neuerdings aus SEO-Gründen geworden ist und dann beobachten, wie Leute dort zwanghaft ihre eigentlich verwaisten Profile plötzlich wieder pflegen, in der Hoffnung, dass es ihnen drei Klicks mehr für ihre Netzpräsenzen bringt. Letzteres ist wohl unvermeidlich, den Rest kann ich selbst umgehen.

Es wird es die Möglichkeit zum Opt-Out geben, die Möglichkeit, all diese Dinge gar nicht erst zu benutzen, aber das ist nicht der Punkt. Ich habe selbstverständlich keine Lust, bei jeder Suche doppelzuchecken, ob ich ausgeloggt oder eingeloggt bin und ob das Feature abgeschaltet ist, es geht hier aber nicht um die Bequemlichkeit des Nutzers, sondern um Prinzipien. Es geht um die Richtung, die Google nicht erst mit der Einführung von “Search Plus Your World” einschlägt, und die führt weg von der neutralen und höchst zuverlässigen Indexierung des Internets, die man seit Jahren kennt. Es ist ein bedenklicher Schritt. Natürlich könnte es tatsächlich sein, dass das Ganze im Grunde nur ein Versuch ist, mehr Druck in Richtung Twitter und Facebook aufzubauen, diese dazu zu bringen, ihre Daten für Google durchsuchbar zu machen, aber man kann am Ende keinem für die eigene Mediennutzung so zentralen Werkzeug vertrauen, dessen Anbieter seine seit Jahren eigentlich überragend gute Kernfunktionalität derart zu modifizieren bereit ist und permanent mit der Brechstange versucht, die Leute zur Nutzung eines seiner Zusatzdienste zu nötigen (demnächst übrigens auch via YouTube).

Ich bin dann vorerst mal bei Bing, Tante Google. Dazu reichen mir zwei Klicks, dann benutzt mein Browser (nein, nicht Chrome) Dich nicht mehr als Standardsuchmaschine.

Deborah Tyllack schrieb am 5. Januar 2012 zuOnline Trends, People, Tools

State of the Art – Vergleich der Künstler-Plattformen

Die expressionistischen Entwicklungen des digitalen Zeitalters verlangen nach einer Bühne, virtuell gesprochen, einer Plattform. Von diesen Plattformen gibt es mittlerweile eine Menge, und da ich selbst als Grafikdesignerin diese Kanäle nutze, stelle ich euch drei davon einmal vor: Behance, eine Creative-Plattform, DeviantArt, eine Künstler-Community und Fotocommunity, eine Plattform rund um die Fotografie.

.

Behance

Behance spricht von sich selbst als “Creative Professional Platform” und kann dieses Versprechen auch halten. Schwerpunkt ist die Galerie, hier finden sich ausgewählte Arbeiten der Seitenbetreiber, die sowohl an Kreativität als auch an Professionalität nichts zu wünschen übrig lassen. Durch diese Selektion bekommt man immer einen bunten Strauß an fantastischen Arbeiten zu sehen. Anmelden kann sich dennoch jeder. Das was bei Facebook das Profil ist, ist hier das Portfolio. Der Großteil der Arbeiten besteht aus Design und Fine Art, aber auch Typografie, Fotografie und Illustration kommen nicht zu kurz und obwohl auch viele freie Arbeiten präsentiert werden, dominieren die veröffentlichten, professionell beauftragten Arbeiten.

Jede Arbeit hat einen “Appreciate this”-Button, mit dem man eine positive Stimme abgeben kann. Darüber hinaus lässt sich jedes Projekt auf den gängigen sozialen Plattformen teilen und auch an StumbleUpon senden. In einem kleinen Fenster öffnen sich einem über 24 Möglichkeiten, diese Arbeit zu verbreiten oder zu markieren. Gefällt einem ein Profil, kann man ihm folgen, und wird nun über alle neuen Veröffentlichungen auf dem Laufenden gehalten. Außerdem kann man Profile in seinen “Inner Circe” einladen, und so eine Art Freundeskreis erstellen. Natürlich kann auch jedes Profil und jedes Projekt kommentiert werden. Die Kommentare bleiben dabei in der Regel sehr fachlich und professionell.

.

Fazit: Professionelle Creative-Plattform mit hohem Anspruch, Selektion und gutem Design.

Persönliche Profil-Perlen:

www.behance.net/mydeadpony

www.behance.net/akaempk

(Finde mich auf Behance: www.behance.net/dtyllack)

.

http://www.behance.net/gallery/2011/2708365
Illustration 2011 Raphael Vicenci

DeviantArt

Mit über 18 Millionen angemeldeten Künstlern und 180 Millionen hochgeladenen Arbeiten, nennt sich DeviantArt wohl zurecht die weltweit größte online Art-Community. Insgesamt zeigt sich diese Plattform sehr fantastisch und phantasievoll.

Auf der Startseite befindet man sich bereits in der Galerie. Wandert man zwischen den Arbeiten umher, hat man es recht schwer einen Überblick zu behalten, da es keine eindeutige Menüführung zu geben scheint. Die Bandbreite der Künstler erstreckt sich von Anfänger bis Profi und auch in den Stilen und Techniken ist so gut wie alles vertreten. Meist geht es dabei um Fotografie, Zeichnungen und Malereien.

Hier kann sich jeder ein Profil erstellen und seine Arbeiten präsentieren und kommentieren lassen. Eine Hand voll Social Media Buttons erlauben das Verbreiten der gesichteten Arbeiten. Gefällt einem etwas besonders gut, kann man es zu seinen Favoriten hinzufügen. Die für die Kommentar-Leiste verfügbaren animierten Smileys erinnern eher an ein Chatportal, allerdings sind die Kommentare hier auch oft sehr emotional und persönlich verfasst.

Profile können besucht oder beobachtet werden. Außerdem gibt es Wettbewerbe und Punkte, die man vergeben kann. Wenn der Künstler es eingestellt hat, sind Arbeiten auch käuflich. Über den DeviantArt-Shop kann man sich sein Lieblingswerk aussuchen, in gewünschter Größe bestellen und zwischen Papier-, Leinwand- oder Fotodruck wählen.

Fazit: Große Community für jedermann, der sich künstlerisch und phantasievoll ausdrücken und präsentieren möchte.

Persönliche Profil-Perlen:

senderosolvidados.deviantart.com

ev-sta.deviantart.com

.

Fotocommunity

Die Fotocommunity ist, wie der Name schon vermuten lässt, eine Gemeinschaft für Fotografie. Über 1 Millionen Fotografen sind auf dieser Plattform angemeldet. Doch nicht nur sie finden sich hier, auch Models können sich anmelden. Darüber hinaus tummeln sich auch viele Fotokünstler auf diese Plattform. Kurz: Jeder, der Freude an der Fotografie hat. Mit einer eindeutigen Startseite und ausgewähltem Bild präsentiert sich diese Plattform mit ruhigem Design und einer relativ klaren Struktur.

Von der klassischen Portrait-Fotografie über Akt, Abstraktem bis hin zu professionellen Fotomontagen und Bildbearbeitungen ist hier alles zu finden. Es mischen sich laienhafte Schnappschüsse mit hochaufwendigen Fotografie-Kunstwerken. Auch hier bietet sich die Möglichkeit, sich zu vernetzen und auszutauschen. Arbeiten können gekauft werden, Models und Fotografen gebucht werden. In einem Forum kann man sich in drei verschiedenen Kategorien an Diskussionen beteiligen. Jede Arbeit lässt sich über die bekannten sozialen Netzwerke verbreiten und einbetten. Es können Kommentare abgegeben werden, die sich, oft in den unterschiedlichsten Sprachen unterhalb der Arbeit finden. Das Profil eines angemeldeten Fotografen ist überschaubar an Informationen und konzentriert sich mehr auf sein künstlerisches Statement und seine Arbeit.

Fazit: Umfangreiche Community für Fotografen, Models und Foto-Begeisterte mit Ambitionen.

Persönliche Profil-Perlen: eduard szattler, LLen29

http://www.fotocommunity.com/pc/pc/mypics/1565080/display/26302889
“What I want here?” von Eduard Szattler

.

Gesamt-Fazit

Die drei Plattformen sind, obwohl sie alle für kreative Arbeiten sind, sehr unterschiedlich.

Behance macht auf mich einen sehr professionellen aber auch elitären und unpersönlichen Eindruck. Die Arbeiten sprechen allerdings tatsächlich für sich, und um diese geht es im Endeffekt. Wer hier aber auf große Kommunikation hofft, wird meiner Meinung nach enttäuscht werden. Ein bisschen wie eine Museumsführung. Bitte flüstern!

DeviantArt birgt viele Talente, die wie ich finde in der Fülle der Arbeiten leider völlig untergehen, und nur durch geduldiges Suchen aufgespürt werden können. Die Mitglieder unter sich haben offensichtlich einen recht aktiven Austausch, als Außenstehender kommt man nicht so recht mit. Manchmal ist weniger eben doch mehr!

Die Fotocommunity ist am unpersönlichsten, da am wenigsten Informationen über die Mitglieder und am wenigsten Austausch-Möglichkeiten angeboten werden. Der Fokus wird klar auf die Arbeit gelenkt, welche zu einem Großteil leider keinen sehr professionellen Eindruck auf mich macht. Dazwischen befinden natürlich einige Ausnahmen. Hier bleiben die Arbeiten leider in der Quantität überschaubar. Suchen macht Spaß, aber Finden noch viel mehr!

Welche Plattformen nutzt ihr, um eure Kunst zu präsentieren? Was macht sie für euch so attraktiv?

Sebastian Baumer schrieb am 7. November 2010 zuNews, Online Trends, Social Networks, Tools, User Generated Content

Das große Ganze sehen – Ein Blick auf das Aggregationstool Storify

Die Menge verschriftlichter Meinungen zu verschiedenen Diskursen im Netz nimmt permanent zu. Und sie wird zunehmend kleinteiliger, fragmentierter und unübersichtlicher. Hatten wir es bis vor ein paar Jahren neben den Online-Angeboten klassischer Medien noch mit einer relativ überschaubaren Zahl von einflussreichen Blogs zu tun, so ist heute zusätzlich eine riesige Menge von unter anderem Microbloggern, Posterous- und Tumblr-Accounts, Facebookpages und Web-Newsdiensten zu beobachten, auf denen Menschen ihre Meinungen publizieren. Ein Überblick über die wichtigsten Linien einer Diskussion, die sich selten auf einen einzigen Ort im Netz beschränkt, wird damit zunehmend schwerer.

Zwar bieten die großen Plattformen und Tools jeweils eigene Werkzeuge an, die Informationsmenge zu katalogisieren und zu verschlagworten – so existieren neben der klassischen Suchfunktion etwa Hashtags bei Twitter, Kategorien und Channels bei YouTube und Vimeo, Gruppen bei Facebook und die Blog- bzw. News-Suche bei Google – schwierig wird es aber dann, wenn der User sich ein Bild von einem Diskurs über die Grenzen eines einzelnen Social Media-Kanals hinaus machen will.

An dieser Stelle setzt Storify an, ein neues Aggregations-Tool (momentan ist die Nutzung der geschlossenen Beta nur per Invite möglich), das die Möglichkeit bietet, eine Sammlung von Meinungen zu einem Thema zu publizieren, die aus verschiedenen, eingebetteten Bausteinen besteht, welche wiederum per Suchfunktion aus Quellen im Netz zusammengetragen werden können. So erlaubt das Werkzeug, per Baukastenprinzip und mit eigenen Kommentaren angereichert, einzelne Meldungen und Artikel im Social Web zu einem größeren Bild an einem Ort zusammenzufügen. Die Elemente sind dabei auf ihren Ursprung verlinkt und können teilweise sogar (wie etwa Tweets) direkt aus Storify heraus auf der ursprünglichen Plattform beantwortet werden. Das Tool ist damit für Medienmacher und Autoren etwa das, was Flipboard für den Konsumenten ist: Eine Möglichkeit, über Plattformen hinweg Meinungen und Artikel in einem ansehnlichen Layout und an einem Ort zusammenzuführen, und zwar über Einbettung, nicht nur über Verlinkung.

Der klassische Einsatzzweck von Storify dürften Veranstaltungen sein, wie das Startup auch in seinem Demo-Video zeigt, das die grundlegenden Funktionalitäten vorführt:

Denkt man ein bisschen weiter, kommen sofort weitere Einsatzzwecke in den Sinn: Ein beliebiges Thema innerhalb der Blogosphäre könnte mit Storify genauso übersichtlich durch die verschiedenen Blogs verfolgt und aufbereitet werden wie die besten Blumenkübel-Tweets oder die schönsten Photos von verschiedenen Hostern zu einem bestimmten Thema. Schlussendlich kann man sogar versuchen, crossmedial Diskurse mittels relevanter, unterhaltsamer und kontroverser Meinungen nachzuzeichnen – was ich in einer Miniaturversion beim ersten Test des Tools hier zur der wiederaufkochenden Google Street View-Debatte versucht habe.

Ein solcher Storify-Artikel aus kleinteiligen Elementen und Links lässt sich im Anschluss, wenn gewünscht, auch direkt in einem Blog oder auf einer Webseite wieder einbetten und ist automatisch mit den entsprechenden Buttons und Tools zum Sharen versehen, optional können außerdem die Ursprungsautoren der eingebetteten Elemente benachrichtigt werden.

Ob Storify schlussendlich wirklich ein Erfolg wird, darf indes aber noch bezweifelt werden. Das Startup verfügt erstens laut Mashable noch über kein Finanzierungskonzept und ist auf Investoren angewiesen und zweitens ist es fraglich, ob das Werkzeug aufgrund seiner (inhaltlichen, nicht bedientechnischen) Komplexität jemals genug User anziehen kann – aufwendige Recherche zu einem Thema zu betreiben, die auch noch auf verschiedenen Plattformen unter Kenntnis der jeweils relevanten Medien und User erfolgen muss, ist schlussendlich wohl nichts für den täglichen Gebrauch durch den Normaluser. Für Blogger, Twitterer und (Social) Media-affine Menschen hingegen könnte Storify ein Weg sein, nachvollziehbare Pfade durch den Dschungel der Äußerungen zu einem Thema zu schlagen und diese mit anderen zu teilen.

Sebastian Baumer schrieb am 28. Oktober 2010 zuOnline Trends, User Generated Content

Innovatives Crowdsourcing: The Johnny Cash Project

Auf thejohnnycashproject.com ist Johnny Cash quicklebendig. Für den Titel ‘Ain’t No Grave’ von seinem letzten und in diesem Jahr posthum veröffentlichten Album ‘American VI: Ain’t No Grave’, das er kurz vor seinem Tod eingespielt hat, bastelt dort nämlich eine Community aus freiwilligen Netzeinwohnern und Cash-Fans an einem Musikvideo unter der Leitung von Regisseur Chris Milk (auch verantwortlich für das interaktive Video ‘We Used To Wait’ von Arcade Fire, das auf sehr originelle Weise mit der Einbindung von Google Maps arbeitet), dessen 1370 einzelne Frames aus von den Nutzern übermittelten Zeichnungen bestehen. Und jedermann kann ein Teil davon werden, besondere zeichnerische Fähigkeiten sind keine Vorraussetzung. Die Webseite selbst bietet sogar das notwendige Tool an, um direkt im Browser den eigenen Beitrag anzufertigen, der dann in den Bewertungspool eingespeist wird:

Was macht das Interessante an einem solchen Projekt aus? Vielleicht, dass es die Prozesse, die im Mitmach-Netz überall auf einer dem einzelnen User eher unbewussten Makro-Ebene ablaufen (Kollaboration, das Teilen von Wissen, die Vermischung kommerzieller und unkommerzieller Interessen, klassisches Crowdsourcing, die Anhäufung von Personen mit gleichgelagerten Interessen auf bestimmten Plattformen) verbindet und auf einer konkreten, verdichteten und ‘anfassbaren’ Ebene abbildet, quasi eine Wasseroberfläche des dahinterstehnden Prozesses gezeigt wird, die jedermann in der Mittagspause angucken und genießen kann, auch ohne, dass er erst einmal tiefer einsteigen müsste: Ein drei Minuten-Musikvideo. Aus einzelnen Zeichnungen tausender verschiedener Nutzer:

Nach den Prinzipien, die bei der Erstellung des Videos zum Tragen kommen, funktionieren nicht nur die grundlegenden Strukturen des Netzes im Allgemeinen und Social Media und Crowdsourcing im Besonderen, sondern es gibt auch eine ganze Reihe weiterer Kunstprojekte, die das in ähnlich konkreter und beeindruckender Form auf den Punkt bringen: Der ‘YouTube-Chor’ mit dem Titel ‘Lux Aurumque’ etwa: 185 Nutzer aus 12 verschiedenen Ländern singen den Titel, graphisch eindrucksvoll aufbereitet fügt der Komponist Eric Whitacre das Ganze zu einem virtuellen Chor zusammen, dessen musikalische Gesamtdarbietung sich durchaus hören lassen kann:

Wirklich innovativ und neu an ‘Ain’t No Grave’ und dem Johnny Cash-Projekt ist dagegen die Tatsache, dass es geschafft wird, die kollaborativen Prozesses des Netzes abzubilden, ohne, dass das Ganze wie bei bisherigen Projekten dieser Art ein statisches Werk ergibt.

Es ist nämlich erstens dreifach interaktiv – interaktiv natürlich für den, der mitmacht und mittels einer Zeichnung ein Teil davon wird, aber auch für denjenigen, der die anderen Zeichnungen bewertet und somit entscheidet, was am Ende tatsächlich im größeren Kontext Video landet (beim Abspielen können Varianten jedes einzelnen Frames angeklickt und mit Rating versehen werden, es ist sogar möglich, den Prozess der Entstehung jeder Zeichnung nocheinmal als Extra-Video anzugucken, zusätzlich sind Metainformationen über den Zeichner, den Zeichenstil und die aufgewendete Zeit enthalten) und schließlich sogar für den einfachen Zuschauer, der via der Weboberfläche die Möglichkeit hat, über diverse Filterkriterien sich ‘seine’ ganz persönliche Variante zusammenzustellen: Willst Du die Top-Rated Bilder in Deinem Video sehen? Oder doch die eher abstrakten Varianten? Vielleicht willst Du die neuesten Einsendungen im Video angucken? Oder soll es zufällig generiert werden? Auch als eigentlich passiver Part des Projektes muss man Entscheidungen treffen.

Zweitens ist es aber auch, und das ist vielleicht noch wichtiger, lebendig. Zumindest für den Zeitraum, in dem das Projekt von den Machern weiter aktualisiert wird, verändert sich das Video mit jeder neuen Zeichnung, jeder hinzugefügten Einsendung ein kleines Stück weiter zu etwas Neuem. Die richtigen Worte dafür findet Mashable:

Yes, video may have killed the radio star, and the web might have killed the video star — but is there another kind of star on the horizon?

Johnny Cash, der trotz seiner eher im konservativen Genre verortbaren Musik einen sehr offenen Geist für neue Ideen und vor allem für aus der Mitte der Gesellschaft kommende Bewegungen hatte, wäre vielleicht sogar ein bisschen beeindruckt von dem, was das Internet mit seinem Song macht.

Sebastian Baumer schrieb am 29. Juni 2010 zuMicroblogging, News, Online Trends, Social Networks

Prismablick (4): Social Media Links und News der Woche

Trotz Fußball-WM: Die Social Media-Welt hat sich auch wieder ein Stück weiter gedreht. Hier wie immer die wichtigsten Geschichten und Links der letzten 14 Tage im kompakten Prismablick.

1. Die Causa CTRL-Verlust

Sturm im Blogosphärenglas: Michael Seemann (alias mspro) und sein Blog CTRL-Verlust kollidieren plötzlich mit der FAZ, innerhalb deren Blog-Projekt das Ganze erscheint. Die Geschichte in der Kurzfassung: Die FAZ nimmt einen Artikel wegen ungeklärter Bildrechte aus dem System, Seemann lädt den Artikel ohne Bilder neu hoch, daraufhin sperrt die FAZ das ganze Blog, was den Autor wiederum dazu verleitet, die Sache publik zu machen und damit eine Welle von empörten Reaktionen auszulösen, ohne dass genaue Einzelheiten bekannt sind. Ergebnis nach zwei Tagen: Eine Menge Artikel, Stellungnahmen und Gegenreden, bis am Ende nur Verlierer übrig blieben.

2. YouTube mit neuen Rekordzahlen für den Monat Mai

Schleichende Social Media-Revolution in Sachen Video? Die Zahlen, die comScore Video Metrix in der letzten Woche vorgelegt hat, beeindrucken jedenfalls: Im Monat Mai guckte der durchschnittliche YouTube-User um die 100 Videos. YouTube machte laut der Statistik im selben Zeitraum auch 43.1% aller Video-Views im Netz aus, mit viel Abstand gefolgt von Hulu.

3. Blogger mit und gegen Welt Kompakt

Und noch eine Geschichte um Blogs und Print: @weltkompakt hat mehrere Blogger angefragt, eine ganze Ausgabe zu in Eigenregie zu produzieren, die am 30. Juni erscheinen soll. Dass sich schnell Widerstand gegen die Aktion regen würde, war klar, vor allem nachdem Deef Pirmasens herausgefunden hatte, dass ursprünglich kein Honorar an die beteiligten Autoren aus dem Netz fließen sollte. Eine nachhaltigere Lösung als eine einzelne Ausgabe (etwa regelmäßig Kolumnen von Bloggern) wäre natürlich ein besserer Ansatz. Mehr Kritikpunkte und Lösungsansätze sammelt @svenwiesner unter obigem Link.

4. Apple, iPhone, iOS.

iOS 4 ist erschienen, das neue iPhone 4 auch erhältlich und Apple ist wieder überall eines der Hauptthemen. Wir haben zum Start des Betriebssystems, das auch für das iPhone 3G und 3G S erhältlich ist, die wichtigsten Funktionen der neuen Software auf unseren Mobiltelefonen angetestet und finden: Soweit alles gelungen, auch wenn es an einzelnen Stellen noch ein bisschen hakt. Das gilt übrigens auch für das zugehörige Gerät.

5. eBooks bleiben Nischenprodukt

Sind eBooks bereits ein Massenphänomen? Den Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zufolge ist eher das Gegenteil der Fall: So liegt der Anteil der verkauften elektronischen Bücher bei unter einem Prozent. Ob das iPad und sonstige neuere e-Reader diese Zahlen grundlegend ändern können, ist vorerst zu bezweifeln, zumindest dann, wenn sich die happigen Preisen, zu denen eBooks hierzulande angeboten werden, nicht ändern.

Bonus: Vernissage der Ausstellung IMAGINARIUM im @13stock.

Ein kleines Event war am Sonntag bei uns im Büro @13stock mitzuerleben: Julia Bührle-Nowikowa und Sebastian Baumer eröffneten ihre gemeinsame Ausstellung „IMAGINARIUM“ mit surrealen Bildwelten und Objektkunst. Daneben gab es reichlich Bier, Grillgut, die Möglichkeit, mitzuerleben, wie Deutschland die Engländer aus der WM kickte und vor allem reichliche Gelegenheit, auch selbst aktiv in Sachen Kunst zu werden. Die Ergebnisse können hier bewundert werden.

Sebastian Baumer schrieb am 22. Juni 2010 zuNews, Online Trends, Tools

Apple iOS4 – Die Funktionen des neuen iPhone-Betriebssystems im Überblick

iOS4 ist veröffentlicht und hält nach und nach Einzug auf aller Phones. Wir haben uns die wichtigsten Funktionen von Apples neuem Betriebsystem in Ruhe angeguckt.

Wallpaper auf dem Home-Screen

Fangen wir mit den optischen Verschönerungen an: Es mag auf den ersten Blick nicht wirklich von Bedeutung sein, dass man neuerdings neben dem Lock-Screen auch auf den Home-Screen eigene Wallpapers legen kann. In der Praxis allerdings trägt es viel zum neuen Look & Feel des iPhones mit iOS4 bei, dass hinter den App-Symbolen nicht mehr die gähnende schwarze Leere lauert. Zum Einstellen des zweiten Wallpapers navigiert man wie gewohnt unter Einstellungen > Hintergrundbild und kann dann zwischen vorinstallierten Varianten und den eigenen Photo-Ordnern frei wählen. Bei der Auswahl des Hintergrunds für den Home-Screen ist vor allem darauf zu achten, ein eher gleichartig strukturiertes, texturartiges Bild zu wählen, schließlich sieht man davon am Ende vor allem die Stellen, die sich in den Zwischenräumen zwischen den Apps befinden.

Folders für Apps

Eine der zentralen Funktionen des neuen Betriebssystems ist die Möglichkeit, Apps in Ordner zu jeweils maximal 12 Elementen zu gruppieren. Das funktioniert relativ intuitiv: Einfach eine App über die andere ziehen, schon verbindet das neue Betriebssystem die beiden Anwendungen zu einem Ordner, der je Kategorie der verwendeten Programme mehr oder minder sinnvoll benannt wird. Das Umbenennen bzw. Sortieren innerhalb eines Folders stellt kein Problem dar: Wie gewohnt etwas länger eine App innerhalb eines Ordners antippen und schon kann man auch dort wieder sortieren, den Namen der Sammlung anpassen oder einzelne Apps wieder aus dem Ordner entfernen (indem man sie einfach heraus zieht). Der Ordner löscht sich übrigens selbst, wenn man die letzte App daraus entfernt. Leider sind die einzelnen Folder wie erwähnt begrenzt, was in einigen Fällen leider dazu führt (wenn man etwa viele Social Media-Programme wie zb. Twitter-Clients parallel nutzt), dass man Ordner für den selben Zweck doppelt anlegen muss. Ein persönlicher Tipp zur Verwendung: Es macht Sinn, auf der ersten Seite des iPhones die 16 meistgenutzen Apps ohne Ordner abzulegen und dann auf den weiteren Pages den ganzen Rest in Ordner zu packen, so hat man auf alle Anwendungen den bestmöglichen Zugriff. Neuerdings kann man außerdem auch im Standard-Dock Buttons herausnehmen und andere hineinlegen, was aber wenig Relevanz in der Praxis haben sollte (die dort liegenden Funktionen Telefon, Safari, Mail und iPod dürften wohl für einen Großteil der User zu den meistgenutzten Features des iPhones gehören).

Multitasking-Dock

Die zweite große Neuerung bei iOS4 ist die Möglichkeit zum Multitasking. Per Doppelklick auf den Home-Button öffnet sich jetzt (auch wenn man bereits innerhalb einer Anwendung ist) ein zweites Dock, das die zuletzt verwendeten Apps anzeigt, die per Klick in dem Zustand, in dem sie zuletzt verlassen wurden, wieder geöffnet werden können. Per Swipe nach Rechts im Multitasking-Dock stehen dabei scheinbar unbegrenzt sämtliche Apps zur Verfügung, die irgendwann benutzt und geschlossen wurden. Bei einem längeren Klick auf eine der Apps in eben dieser Leiste erscheint auf allen noch geöffneten Anwendungen ein kleines Minuszeichen, das die Möglichkeit anbietet, diese endgültig zu schließen. Etwa fragwürdig ist dabei, dass wirklich alle verwendeten Apps beim Verlassen in die Multitaskingleiste gelegt werden und sich dort nach und nach ansammeln. Sinnvoller wäre vielleicht eine Lösung, bei der man per Doppelklick innerhalb einer App diese in die Multitasking-Leiste legt und nicht per Default beim Schließen.

Rotations-Sperre und iPod-Direktzugriff

Zieht man eine Seite nach links im Multitasking-Dock, so kommt man auf ein gänzlich neues Menü. Dort befinden sich zwei weitere Neuerungen von iOS4: Die Rotations-Sperre, die nach dem iPad nun auch auf dem iPhone Einzug hält und der direkte Controller für die iPod-Funktionen. Mit letzterem kann man direkt beim zuletzt abgespielten Musikstück oder Album wieder einsteigen, einen Titel vor oder zurück springen oder auf den iPod an sich zugreifen, der mit dem iOS4 auch dazu in der Lage ist, Wiedergabelisten zu erstellen. Bereits auf dem iPad bewährt hat sich die Rotations-Sperre, die verhindert, dass sich etwa beim Lesen im Bett der Screen ständig dreht. Etwas unglücklich ist allerdings, dass man das iPhone nur im Portrait-Modus locken kann, klickt man im Landscape-Modus auf den neuen Button, so springt das ganze zurück in den vertikalen Modus und sperrt sich eben dort.

Weitere Funktionen

Weitere Funktionen von iOS beinhalten unter anderem die Möglichkeit der Anbindung einer Bluetooth-Tastatur (die reibungslos funktioniert), die neue Rechtsschreibprüfung, die auf alle Programme ausgedehnt wurde, die neue App iBooks, die auch auf dem iPhone eine passable Figur macht und die neuen Mail-Funktionen, die nun auch Threaded Conversations und den Posteingang sämtlicher eingepflegter Postfächer auf einen Klick sowie das Öffnen von Dateianhängen in den dazu passenden Applikationen beinhalten. Eher sinnbefreit ist der neue 5-fach Digitalzoom für die Standard-Photoanwendung, der erstens in der Form bereits in Drittanwendungen zu haben war und zweitens, und das liegt in der Natur von „digitalen Zooms“, im Grunde nur eine Ausschnittvergrößerung aus dem aufgenommenen Photo ist.

Fazit

Das neue iPhone-Betriebssystem iOS4 ist sicherlich keine richtig große Revolution, läuft aber auch auf dem iPhone 3G S sehr stabil (Geschwindigkeitseinbußen oder Probleme sind in keinerlei Hinsicht zu bemerken) und erleichtert in derart vielerlei Hinsicht den täglichen Umgang mit mit Apples Mobiltelefon, dass man nach einiger Zeit nicht wieder auf die alte Version zurück will. Gerade die neue Ordnerstruktur macht es einfach, auch eine große Menge an Anwendungen sinnvoll zu verwalten, die nun allesamt mit maximal drei bis vier Klicks erreichbar sind (Swipe zur Seite, auf der der Ordner liegt > Ordner öffnen > App öffnen). Das groß angekündigte Multitasking-System bedarf allerdings noch einiger Überarbeitung, auch wenn es auf dem richtigen Weg ist. Einzig schade, dass das neue Betriebssystem erst im Herbst auch auf dem iPad Einzug halten soll.