Archiv für die Kategorie „Events“

Sebastian Baumer schrieb am 9. Mai 2012 zuEvents

Mitten im Mainstream – Die re:publica 2012

Ein kleiner Rückblick auf die re:publica 2012: Auch wenn der Veranstaltungsort, die Station Berlin, auf Twitter viel Zustimmung erntete, war ich selbst doch nicht auf Anhieb überzeugt. Die familiäre Atmosphäre des Friedrichstadtpalastes und der Kalkscheune, sowie der Standort mitten in Berlin waren für mich doch immer ein wichtiger Bestandteil der größten deutschen Netzkonferenz. Das neue Gelände mit seinen (Sponsoren- und Info-)Ständen in der Haupthalle rief bei mir doch eher IT-Messe- und Lagerhallen-Assoziationen hervor, auch wenn mir im Verlauf der Veranstaltung klar wurde, dass der Umzug wohl einfach sein musste, um die Veranstaltung konzeptuell weiterzuentwickeln: Mehr Platz, dadurch deutlich weniger Überfüllung, schneller Wechsel zwischen den Sessions – am neuen Veranstaltungsort alles kein Problem, kein wildes Gedränge in engen Hinterhöfen, um in einer der Geheimtippveranstaltungen doch noch einen Platz zu ergattern. Und da im direkten Umkreis nicht allzuviele gastronomische Ausweichmöglichkeiten sind, blieb auch beim Abendprogramm ein großer Teil der Gäste im Außenbereich der Station mit re:fill-Bar und die Runde zersplitterte sich nicht auf verschiedene Orte, wie es bisher immer der Fall war. Die übliche Frage: “Auf welche Party gehst Du heute Abend und mit wem?” war damit eher hinfällig.

Die Qualität des Programms war dabei 2012 völlig subjektiv betrachtet um einiges höher als in den letzten Jahren, aber vielleicht lag das auch nur an einem glücklichen Händchen bei der Auswahl aus dem breiteren Angebot mit jeweils sieben verschiedene Tracks, die parallel liefen und die in verschiedene Schwierigkeitsstufen unterteilt wurden. Andere Stimmen wollen ähnlich schwache Vorträge wie in den letzten Jahren beobachtet haben (vor allem bei den üblichen Verdächtigen, die im Grunde jedes Jahr den gleichen alten Quark erzählen und um sich selbst kreisen).

Für mich besonders sehenswert am Ersten Tag: “Make Love Not Porn” von Cindy Gallop, die mit ihrem Projekt über die Unterschiede zwischen Pornographie und echtem Sex aufklären und damit jüngeren Menschen, die quasi von Pornographie im Netz sexuell sozialisiert wurden, zeigen möchte, wie konstruiert dieses Bild von Sexualität zum größten Teil ist. Sehr spannend im Anschluss die internationale Session “Twittern aus dem All für die digitale Öffentlichkeitsarbeit” mit echten Astronauten von verschiedenen Raumfahrorganisationen, die über ihre Erfahrung mit Social Media berichten. Leider blieb der Saal halbleer. Stattdessen laut Berichten komplett gefüllt: Deutsches Blogosphären-Bashing, das zwar am Ende auf das Fazit kommt, dass in der Szene mehr an einem Strang gezogen werden muss, aber dennoch nicht müde wird, zu erklären, wie weit die Amerikaner uns doch angeblich vorraus sind (vor allem in Sachen “Reichweite”). Nun ja. Sehr gerne gesehen (aber leider verpasst) hätte ich außerdem Kixka Nebraska mit “About Me – die digitale Fassade” über Identitätskonstruktion im Netz, die im letzten Jahr einen überraschend guten Vortrag hielt und laut mehreren Berichten auch in diesem Jahr wieder ein Highlight des Programms bot. Unvermeidlich und wie immer sehr unterhaltsam im Anschluss: Sascha Lobo, der sich in Anlehnung an The Oatmeal in seinem “Überraschungsvortrag” (Video bei Spiegel Online) dem Zustand des Internets 2012 annahm, zu Recht diverse hippe und weniger hippe Apps und Social Networks (Instagram, Pinterest, Google+) für völlig irrelevant erklärte und die langsame Ankunft von Netzthemen im Mainstream attestierte – nicht zuletzt auch am Beispiel der Piraten.

Tag Zwei: Meine persönlich größte Enttäuschung der #rp12: Das Panel “Übermorgen TV” mit u.a. @sixtus, @MrsBunz und @ChristophKappes, das als Diskussionsrunde zu ein paar in Zukunft vermeintlich wichtigen Themen im Netz angelegt und mit sehr guten Videoeinspielern aus der gleichnamigen Serie als Themenaufhänger unterlegt war. Leider wirkten alle auf der Bühne sitzenden Personen völlig unvorbereitet, hatten wenig bis gar nichts zu den Themen zu sagen und auch das Publikum wollte nicht den Lückenfüller spielen. Irgendwann: Saalflucht. Deutlich interessanter im Anschluss: Das leider wiederum nur sehr schlecht gut besuchte Panel “From Dissent to Disillusionment” zum arabischen Frühling auf der großen Bühne, Teil einer Reihe von politischen Sessions am Tag Zwei. Überhaupt ein Problem der re:publica (wie auch in den letzten Jahren): Die internationalen und zum Teil hochinteressanten Themen, die zu Recht aufgrund ihrer Relevanz der großen Bühne platziert werden, ziehen deutlich weniger Menschen an, als nerdige Selbstreferenz-Sessions – Foodblogs sind beim Publikum einfach populärer als Revolutionen. Ein echtes Highlight unter den Selbstbeleuchtersessions ist für mich hingegen “Blogger im Gespräch” mit Moderator Philip Banse über herausragende Blogprojekte aus dem letzten Jahr in Deutschland, in dem vor allem Raul Krauthausen und seine Idee der Wheelmap nachhaltig Eindruck hinterlassen. Am Abend noch eine überraschend gute Veranstaltung: “Poetry Spam” ersetzt die bisherige (und leider immer unsäglich unwitzige) Twitterlesung und zitiert aus Spam-Mails mit fast poetischer Qualität. Sehenswert.

Tag Drei: Das Problem, das Twitter zumindest in Teilen seiner Userschaft hat, könnte man nicht deutlicher ausdrücken, als es Katie Stanton, Head of International Strategy bei Twitter, mit ihrem eher belanglosen Vortrag “Twitter joining the Conversation” tut: Fernsehen, Sport und Politik (aber nur im Fernsehen und passiv) werden als die großen Use-Cases für den Microbloggingdienst präsentiert. Der einzige spannende Moment des Vortrags: Als jemand im Publikum fragt, was jetzt eigentlich mit Posterous passieren wird, das Twitter kürzlich gekauft hat. Keine Auskunft, natürlich. Man hätte ihr am Ende fast empfehlen wollen, selbst mal ein bisschen auf Entdeckungsreise durch ihre Plattform zu gehen und zu beobachten, was sich da eigentlich sonst noch so alles tummelt an interessanten Themen und Menschen, für die das Medium nicht nur ein Begleitkanal zu Ereignissen in Massenmedien ist. Eines der besten Beispiele folgt direkt im Anschluss: Regierungssprecher Steffen Seibert, der erzählt, wie er mit seiner sehr sympathischen “Ich probier das einfach mal aus”-Sicht nach und nach Twitter als interessantes Kommunikationsmedium entdeckt und trotz CDU-Mitgliedschaft bei einem Großteil der Anwesenden Sympathiepunkte durch seine lockere, unterhaltsame und gleichzeitig sehr professionelle Art einheimst. Sehenswert außerdem: Kathrin Passig mit “Standardstituationen der Technologiebegeisterung” (Video bei Spiegel Online), die uns noch einmal eindrucksvoll demonstriert, was unter anderem bei der Erfindung der Bahn, des Telegrafen und des Films alles prophezeit wurde bis hin zum Weltfrieden. Das Fazit der Session: Technologie verändert so gut wie nie irgendetwas von sich aus, ruft aber immer unter Menschen die (meist leider utopische) Hoffnung hervor, dass sich aus ihr auch eine große gesellschaftliche Verbesserung ergibt.

Am Ende war eigentlich alles wie immer, nur mit deutlich mehr Teilnehmern und mit gefühlt mehr Mainstreamthemen (was aber nicht an einer Anpassung der Veranstaltung lag, sondern daran, dass “unsere” Themen auch gesamtgesellschaftlich im letzten Jahr deutlich mehr in den Fokus rückten): Die re:publica ist ein Event, auf die man jedes Jahr sehr gerne geht, um ein paar nette Menschen wiederzutreffen, neue kennenzulernen, sich ein paar gute Vorträge anzuhören und sich über ein paar schlechte zu ärgern. Alles im grünen Bereich.

Nicole Pingel schrieb am 19. April 2011 zuEvents

re:publica 11 – Von Trollen und Feministinnen


Der 13. Stock hat die re:publica in diesem Jahr geschlossen besucht. Da können wir es uns nicht nehmen lassen, auch einen Beitrag in den Pool der Rückschauen zu werfen.

Was wir ausdrücklich nicht wollen, ist Kritik oder Lob an der Organisation der Veranstaltung zu äußern. Das wurde bereits zur Genüge getan und Besserung für das nächste Jahr wurden ja auch bereits von Seiten des Veranstalters angekündigt. Stattdessen wollen wir einzelen Panels noch einmal inhaltlich Revue passieren lassen, intelligente Aussagen bündeln, den Versuch unternehmen, die re:publica in ihrer Vielseitigkeit im Nachhinein abzubilden.

Jedes Panel war einem der folgenden Tracks zugeordnet: Business, co:funding, Digital Culture, Fun, Law, Makers & Technology, Media, Partner, re:design, re:open, re:learn, re:play, Society. Aus diesen Tracks wollen wir einzelne Panels exemplarisch hervorheben.

re:learn

Den Anfang macht der Vortrag, der wohl den meisten Zuspruch von den anwesenden Netzmenschen bekommen hat: Am Donnerstag machte sich Gunter Dueck dazu auf, den Zuschauern im Friedrichsstadtpalast zu erläutern, warum das Internet mittlerweile als Betriebssystem unserer Gesellschaft angesehen werden kann und welche Folgen das in Zukunft haben könnte.

Warum Dueck so viel realen und virtuellen Applaus für seinen Vortrag geerntet hat? Bitte sehen Sie selbst!

Ebenfalls im Track re:learn lief das Panel „Digitales Leben in der analogen Schule“, das gewissermaßen zugleich einen Blick in die Vergangenheit (Erinnerungen an die eigene Schulzeit) und in die Zukunft (der Schulpädagogik) gewährte. Zentrale Frage: Wie lassen sich Schulbildung und Pädagogik mit der digitalen Welt vereinbaren? Wie sich zeigte sind es wie überall auch in den Schulen die Querdenker und Freigeister, die kleine Revolutionen vorantreiben, vom Referenten Jöran Muuß-Merholz (@jmm_hamburg) neoligistisch als Bildungshacker und Edupunks bezeichnet. Für Schüler wird dieses Engagement offenbar auf lange Sicht vorallem die Art zu lernen verändern: So wird zum Beispiel in der Schule der Referenten André Spang und Roman Deeken ergänzend zu realen Instrumenten mit iPads (Garage Band) musiziert, das Tablet wird aber auch für Recherche und Reproduktion des Wissens eingesetzt. Und es ersetzt das Hausaufgabenheft.

Aber auch die Arbeitsweise und Rolle des Lehrers wird sich über kurz oder lang überholen, wie schon heute Felix Schaumburg (@schb), ein Lehrer aus Wuppertal, zeigt. Wichtige Nachrichten für die Klasse werden nicht mehr nur dem Klassensprecher zum Weitersagen mitgeteilt, sondern auch über Facebook verkündet. Das Klassenbuch wird digitalisiert und auch das Fächersystem des Lehrerzimmers wird mit digitalen Hilfsmitteln untergraben. All das unter dem Leitsatz: „Papier brauchen wir hier nicht mehr“. Alles in Allem wirkte Schaumburg während seines Vortrags wie ein verschmitzter Matrose, der seine eigene kleine Meuterei leitet, ohne dass es bisher jemand mitbekommen hätte. Trotzdem hoffe ich, dass das Beispiel des innovativen und in die Zukunft blickenden Lehrers im wahrsten Sinne des Wortes Schule machen wird. Denn solche Lehrer braucht das Land: Pädagogen, die sich immer mehr als Navigatoren durch die Welt des Wissens verstehen, denn als Prediger.

re:play

Der Track re:play wurde von uns nur rudimentär besucht. Einen Einblick in die Thematik bietet jedoch das folgende Video, in dem Sebastian Deterding ein Interview zum Thema Gamification (das Einbetten von Spielemechanismen in Online-Präsenzen jeder Art zur Aktivierung und Motivation von Nutzern).

re:open

Der kleine Saal der Kalkscheue stand am ersten Tag im Zeichen des Tracks re:open. Diskutiert wurde die Offenheit von Daten in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen. Außerdem wurden Ansätze vorgestellt wie es im Rahmen des Journalismus (Data Journalism) möglich ist, offene Daten zu strukturieren und auf eine Weise aufzubereiten, die verständlich ist und eine Botschaft transportiert.

Der Vortrag von Christina Elmer (dpa), die ich reichlich praktische Tipps & Tricks verriet, ist mittlerweile auf SildeShare zu finden: www.slideshare.net

Digital Culture

Auch für die masochistisch veranlagten re:publica Besucher war einiges geboten. Wer sich einmal gepflegt beschimpfen lassen wollte, war in der Session von Sascha Lobo zu den jüngsten Erkenntnissen der von Lobo initiierten „Trollforschung“ sehr gut aufgehoben. Denn die (mehr oder weniger) fremdbestimmte Galionsfigur der deutschen Social Media Szene nutzte die Zeit um erst einmal in bester Troll-Manier zu pöbeln – über die fehlende Sichtbarkeit, die Passivität und den fehlenden Gemeinschaftsgeist der deutschen Netzmenschen. Nach dem Switch zum eigentlichen Thema und einige Thesen sowie erheiternde Anekdoten später, kam Lobo zu dem Schluss: „Für das Ökosystem Social Web sind Trolle essentiell“. Wer wissen will, welche Gedankengänge zu diesem Fazit führten, darf sich hier am Play Button bedienen.

Society

Der Track Society bestand aus einer Reihe an denkbar ambivalenten Themen. Vor allem im Nachgang für Gesprächsstoff gesorgt,  haben die Panels zum Feminismus und seiner Gestaltung in der digitalen Welt (z.B. „How Feminist digital Activism is like the Clitoris“). Aber auch die lediglich halbstündige Session mit dem zunächst unscheinbaren Titel „Die Digitale Gesellschaft“ sorgte im Nachhinein für einiges Rauschen in den Blog- und Twitter-Wäldern.

Markus Beckedahl, unter anderem Co-Veranstalter der re:publica, machte sich auf um die Gründung eines gleichnamigen Vereins bekannt zu geben. Ziel des Vereins soll es vor allem sein, Infrastrukturen und Plattformen für netzpolitische Kampagnen bereitzustellen, die die Gesamtbevölkerung erreichen sollen. Außerdem soll der Verein als Interessensvertretung der Netzwelt fungieren. Die Anhänger dieser Welt überhäuften die Initiative jedoch sofort und anhaltend mit Kritik. Hauptangriffspunkt stellt der Umstand dar, dass der Einzelne (Außenstehende) ohne Stimmbeteiligung bleibt und lediglich durch finanzielle Unterstützung an der Digitalen Gesellschaft e.V. partizipieren kann. Gestern reagierte Beckedahl ausführlich auf alle Kritikpunkte, die Debatte wird jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter anhalten.

Auch das altbekannte Thema Datenschutz spielte in diesem Track selbstverständlich eine Rolle. Da die Debatten jedoch nichts neues zu Tage gefördert haben, stellen wir an dieser Stelle lieber ein Video zum Thema Datenschutz vom bayrischen Jugendsender on3 südwild vor, das zum Teil auf der re:publica produziert wurde. „Datenschleuder vs. Datenschützer“ – Hier geht’s lang.

Zu guter Letzt

Als Kirsche auf dem Pudding hier noch ein paar Abschluss-Impressionen, überaus ästhetisch in Szene gesetzt von den fleißigen Helferlein der re:publica 11.

Nicole Pingel schrieb am 4. April 2011 zuEvents

Future Media Summit – Eine Rückschau

Future Media Summit – So lautet der Titel der Veranstaltung, die an den letzten beiden März-Tagen 2011 stattfand. Klingt nach Innovationen, Ideen, Visionen… und ja Zukunft eben, denke ich mir zu Beginn des ersten Tages.

Social Media Policy: Don’t be an Idiot

Die erste Keynote hält sodann Joanna Geary von der britischen The Times, ihres Zeichens Community and Web Development Editor. Sie spricht über „Networked Journalism“: Die Möglichkeiten für Journalisten mithilfe von Social Media zu recherchieren, die Resultate zusätzlich über Social und Mobile Web zu veröffentlichen und so an Reichweite zu gewinnen. Am Ende des Vortrags ist mal wieder eines klar: Die Medienbranche in anderen Ländern ist einfach schon weiter als die Kollegin in Deutschland. Und sie ist cooler. So bricht Geary Lanzen für den journalistischen Mut zu bloggen und zu twittern und auf die Frage aus dem Publikum, ob es bei der Times eine Social Media Policy gebe, antwortet sie: Ja. Und die lautet: Don’t be an Idiot.

Social Media Engagement von Verlagen: Einzahlen in die eigene Marke

Vor der anschließenden Diskussion mit hochrangigen Vetretern deutscher Medienhäuser ist mir etwas mulmig zu Mute. Noch zu frisch sind die Erinnerungen an die Münchener Medientage im vergangenen Oktober. Aber ich werde tatsächlich positiv überrascht: Nicht ein Mal wird auch nur im entferntesten der Wunsch noch einem Radierer für das Internet laut, auch das Wort Leistungsschutzrecht fällt nicht ein einziges Mal: Stattdessen Sätze wie: „Wer sich als Journalist oder Verlag nicht in Social Media engagiert wird in den nächsten Jahren nicht mehr online agieren können“ (Frank Thomsen, Chefredakteur von stern.de), die sogar aus der Print-Ecke bestätigt werden: So gibt Christian Lindner (Chefredakteur der Rhein-Zeitung) zu verstehen, dass man sich in seinem Verlag der Risiken von Social Media zwar bewusst sei, man aber erkannt habe, dass die Chancen, die diese neuen Kommunikationskanäle bieten, schlicht überwiegen. Dieses Bekenntnis zu den neuen Medien geht sogar so weit, dass, wie Lindner erzählt, Social Media Kompetenz in seinem Hause zu den Einstellungskriterien gehöre. Schließlich kommt die Runde sogar überein, dass das Social Media Engagement eines Medienhauses und von Journalisten sich nicht zwangsläufig monetär auszahlen muss. Sondern es würde als ein „Einzahlen in die eigene Marke“ und „Abklopfen des Marktes“ verstanden. Am Ende dieser ersten Keynote bin ich sehr zufrieden. Nicht weil ich der Social Media „Branche“ angehöre, sondern weil ich mich freue, dass hier Referenten gefunden und eingeladen wurden, deren Häuser sich weiterentwickeln wollen, um erfolgreich zu bleiben, statt eine grundsätzliche Anti-Haltung gegen alles Neue einnehmen, wie es leider zu oft der Fall ist. Auch der nachfolgende Programm-Punkt „Erfahrungen mit Medien-Apps“ bestätigt meinen Eindruck: In den Konzern-Spitzen (zumindest) der großen deutschen Medienhäuser scheint es angekommen zu sein: Wer nicht mit der Zeit geht, geht unter. Und: Die Medienmarken, die sich am besten und schnellsten mit den neuen Medienformaten (Facebook, Twitter & Co, aber auch mobile Applikationen und Hybridmedien) arrangieren und mehrwertstiftende Angebote entwickelt, generieren Wissensvorsprünge und Wettbewerbsvorteile, die kurz- und mittelfristig nicht mehr einzuholen sind.

Die deutsche Medien-Branche: Alles bleibt anders

Nach diesen doch sehr interessanten Keynotes werde ich doch jäh in die Realität zurückgeholt. Die nachfolgenden Panels zeigen häufig die gewohnte Mischung aus „ein Löffel Vergangenheit, eine Kelle Gegenwart und eine Prise Zukunft“. Wirklich heraus sticht aus den von mir besuchten Panels leider keines.

Sehr gespannt bin ich am Ende der Veranstaltung auf die Abschluss-Diskussion, die im Programm die vielversprechende Bezeichnung „Digitale Medienstrategien für die Zukunft“ trägt. Aber auch hier wird vermehrt dem Status Quo gefröhnt, bis ein Fragesteller aus dem Publikum die Diskutanten an das eigentliche Thema der Diskussion erinnert und fragt: Wie sieht sie denn nun nach Meinung der Referenten aus, die Zukunft der schreibenden Zunft? Die Unsicherheit ist den Gesichtern anzusehen, niemand traut sich so recht zum Mikro zu greifen. Schließlich wird die Kristallkugel verbal von dem einen zum anderen weitergereicht. Niemand traut sich tatsächlich einen Blick hinein zu werfen. Fast scheint es, als wären die Damen und Herren noch ein wenig erschöpft von der Reise in die Gegenwart und könnten sich nicht ganz mit dem Gedanken anfreunden, dass die Entwicklungen in der gleichen Geschwindigkeit weiter gehen werden wie bisher. Schließlich einigt man sich auf den Konsens, dass Trends sich oft über Jahrzehnte hinweg entwickeln, es gehe lediglich darum die eigenen Inhalte immer wieder auf neuen Empfangsmedien zugänglich zu machen. Nachrichten sind Nachrichten sind Nachrichten. Und alles bleibt anders, sozusagen. Über die Zukunft denkt man nach, wenn sie zum Jetzt wird. Das wird den Erwartungen an ein FUTURE Media Summit zwar nicht ganz gerecht. Aber wenn das wirklich heißt, dass man sich vom restaurativen Zwang ab und den neuen Entwicklungen zuwendet, sobald sie marktreif sind, kann ich sehr gut damit leben. Denn Zukunft ist ja auch eine Frage des Standpunkts.

13. Stock schrieb am 21. November 2010 zuEvents

Scrum & Kanban – von Automobilindustrie über Softwareentwicklung zur Hochzeitsplanung

Es gibt wohl kaum eine bessere Gelegenheit, seinen ersten Blogpost für den 13. Stock zu verfassen, als über unser Scrum Master Training mit Björn Jensen von Silpion IT-Solutions GmbH und die Kanban-Session von IT-Agile auf dem Barcamp Hamburg 2010.

Um zu verstehen, was Scrum (dt. = Gedränge, auch im Rugby-Kontext zu finden) ist und wie man es einsetzen kann, sind ein paar grundlegende Informationen über agile Softwareentwicklung von Vorteil. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass die menschliche Komponente sowohl im Entwicklerteam als auch zwischen Kunde – Projektleitung – Team große Bedeutung hat. Respekt und transparentes Arbeiten, um alle ins Bild zu setzen, sind Kernfaktoren. Regelmäßige Rücksprache mit Kunden und im Team sind genauso wichtig, wie Qualität und überschaubare Entwicklungszyklen. Mit Mut und Offenheit für Änderungen gibt man dem Projekt die Chance, auf unvorhergesehene Umstände schnell reagieren zu können. Prozesse werden verschlankt und bleiben im Fluss. Diese und einige weitere Faktoren wurden 2001 im Agilen Manifest von 17 Autoren und Unterzeichnern, die alle aus dem agilen Softwareentwicklungs-Bereich kommen, formuliert und als Fundament festgelegt.

Der Kunde muss nicht bei Projektstart dem Entwicklerteam ein haarklein durchgeplantes Anforderungspaket übergeben. Das Ziel wird definiert, die ersten Schritte werden geplant, das Konzept wird aber umso grobmaschiger, je weiter man vorausschaut. Es werden erst die Basisfunktionen festgelegt, später im Prozess werden die Details bestimmt. Auf diese Weise ist es viel flexibler möglich, auf eventuelle Marktveränderungen oder etwaige neue Anforderungen an die Software zu reagieren. Das spart allen Zeit, Geld und sicher auch Nerven.

Letzte Woche war es endlich soweit: Mittwoch und Donnerstag hat sich der 13. Stock auf den Weg zum Brandshofer Deich gemacht, um Björns Einladung zu folgen. Interessant fand ich, dass sowohl Entwickler anwesend waren, die bereits agile Methoden in der Praxis umsetzen und nun den Theoriepart hören wollten, als auch komplette Laien wie ich selbst.

Zu Beginn seiner ‘Performance’ -  ich möchte es mal so nennen, weil das Training einen unglaublich hohen Unterhaltungsfaktor hatte – stellte Björn erst einmal die üblichen Projektarbeitsmethoden vor. Die aufgezählten Probleme und Herausforderungen klassischer Herangehensweisen waren uns allen im Workshop vertrauter, als uns lieb war: durch Projekthierarchie, Push-System und Dungeon Development wird die Stimmung im Projekt angespannter, Kunden sind unzufrieden, weil sie sich nicht verstanden fühlen und Rahmenbedingungen wie Budget, Qualität und Zeit bleiben auf der Strecke. Nicht selten arbeitet man plötzlich gegen den Kunden anstatt mit ihm zu arbeiten. Mangelnde Kommunikation und von oben ausgelöster Druck steigern das Frustrationslevel.

In Scrum ist das anders.

Wer sich auf diese Methodik einlässt, stimmt auch den klar formulierten Rollenverteilungen zu, welche hierarchisch auf einer Ebene stehen. Es gibt drei verschiedene Positionen, die zusammengefasst das Scrum Team begründen:

  • Product Owner: er kann sowohl auf Kundenseite sitzen, wie auch aus den Reihen der IT-Firma stammen. Seine Kernkompetenz ist das Definieren von Zielen und Setzen von Prioritäten. Er nimmt Anforderungen auf und verwaltet diese.
  • Scrum Master: er hat die Arbeitsbedingungen im Blick, gibt acht auf Transparenz und unterstützt das Team. Sollte der Prozess von der Scrum-Methode abweichen, schreitet er ein.
  • Team: im Scrum ist es am besten, wenn das Team aus 7 +/- 2 Personen besteht. Selbstorganisation wird hier groß geschrieben, soll heißen, dass das Team eigenverantwortlich entscheidet, wie viele der für den anstehenden Entwicklungszyklus (Iteration) abgestimmten Aufgaben zu schaffen sind.

Das System sollte von allen Parteien gleichermaßen ernst genommen und gelebt werden. Wenn von der Managerebene kurzer Hand beschlossen wird, Personen aus dem Team für andere Aufgaben abzuziehen und durch andere zu ersetzen, gefährdet man den bisherigen Fortschritt und reibungslosen Ablauf. Gerade in Projektteams menschelt es sehr – das Team muss sich blind vertrauen können. Wenn also jemand hergeht und willkürlich Leute austauscht, beginnt die Beschnupperungsphase wieder bei Minute 1. Im Scrum werden keine Aufgaben zugewiesen, jedes Teammitglied entscheidet, was er sich zutrauen kann und muss offen genug sein, um Hilfe einzufordern, wenn etwas entgegen der eigenen Annahme läuft. Nur ein eingespieltes Team kann so Hand in Hand arbeiten.

Um uns als Trainingsteilnehmern zu verdeutlichen, wie gravierend sich Vertrauen und Selbständigkeit auf die eigene Produktivität auswirkt, hat uns Björn zwei praktische Übungen aufgetragen. Um hier niemandem den Spaß am potentiellen Training zu verderben, gehe ich nicht weiter auf die Übung ein – ich kann Euch aber sagen, dass die Ergebnisse Bände sprachen – nahezu alle Zweierteams haben bedeutend mehr in der Runde mit selbstbestimmtem Arbeiten geschafft, als im Durchgang ohne.

Daily Scrum.

Um sicher zu stellen, dass alle im Bilde sind und nicht unnötig Probleme mangels Kommunikation entstehen, hält man ein so genanntes Daily Scrum ab. Idealerweise findet es immer zur gleichen Uhrzeit und am gleichen Ort im Stehen statt, damit sich jeder kurz fasst. Ein Daily Scrum ist auf 15 Minuten festgesetzt und kann von jedem besucht werden.

In der Theorie klingt das alles immer ganz hübsch, entspannt und leicht umsetzbar. Björn hat es sich natürlich nicht nehmen lassen, uns ein Daily Scrum durchspielen zu lassen. Es gibt die ein oder andere Regel, die man wirklich beherzigen sollte. Ein Daily Scrum ist kein Statusreport an den Product Owner oder den Scrum Master – es sollte ein Update von allen im Team an alle Teammitglieder sein. Schließlich berichtet man nicht an den eigenen Chef, sondern setzt die Kollegen ins Bild, um das Projekt so durchsichtig wie möglich zu halten.

Transparenz ist alles.

Wie in allen agilen Softwareentwicklungs-Methoden, wird auch in Scrum der Transparenz ein besonderer Stellenwert eingeräumt. Es wird empfohlen, dass das Team an einem Ort, möglichst in einem Raum, sitzt. Desweiteren wird alles, was das Team macht, auf dem Scrum Board festgehalten. Eingeteilt in ‘Sprint Backlog’, ‘In Progress’ und ‘Done’ findet man hier die noch nicht angefassten, die gerade zu bearbeitenden und die fertiggestellten Aufgaben. Das Board kann durch ‘Impediments’ ergänzt werden, um die aufgetretenen Probleme auch zu visualiseren. Jeder sollte das Scrum Board gut sehen können, um den aktuellen Stand zu kennen und bei Fragen nicht nur über die eigene Baustelle berichten zu können.

Scrum in practice.

Nachdem wir nun Vieles in der Theorie kennengelernt haben, einige Veranschaulichungen in Form von kleinen Spielen sehen konnten und den Team-Buidling-Part für die Kürze der Zeit ganz gut gemeistert haben, fehlte quasi nur noch Anwendung in echt und in Farbe. Björn zauberte also den Inhalt zweier Kinderzimmer zu Tage und wünschte uns viel Spaß bei der dann folgenden Aufgabe.

Das Training  hat uns als komplette Firma geschlossen überzeugt, so dass wir keine vier Tage später stolze Board-Anwender sind, die kennengelernten Methoden so gut wie möglich auf unsere Prozesse angepasst haben und umgehend jeder einzelne von uns besser denn je beurteilen konnte, woran das Team gerade arbeitet.

Kanban Session, Barcamp Hamburg.

Durch unser profundes und unterhaltsames Scrum Master Training wurde ich schon bei der Sessionvorstellung auf dem Barcamp Hamburg im Intro auf Arne Roock und Bernd Schiffer von IT-Agile aufmerksam, die etwas über das agile Softwareentwicklungs-Vorgehen Kanban erzählen wollten.

Zum Auftakt ihrer ersten Session am Freitag haben Arne und Bernd im Rollenspielcharakter angefangen, einen Kanban-Prozess zu simulieren. An der Wand entstand nach und nach das Board, welches Tickets mit den Keywords aus Kanban beinhaltete und so sehr anschaulich den Methodenaufbau verdeutlicht hat  – gelungene Vorstellung. Mit dem Hintergrund unseres Scrum-Trainings war es leicht zu blicken, worauf sie abzielten.

Da das Interesse sehr groß war und bei weitem nicht alle Fragen beantwortet werden konnten, haben Arne und Bernd das Thema am Samstag nochmals aufgegriffen und sowohl die Grundlagen-Session erneut angeboten, wie auch eine Advanced-Runde eingeläutet. Der Erfolg gab ihnen recht: am Samstag mussten die Jungs in den größten Raum vor Ort umziehen, weil der eigentliche Raum aus allen Nähten platzte.

Besonders spannend fand ich die Breite der Möglichkeiten, die man mit Kanban hat. Seinen Ursprung findet diese Methode in der Produktionsablaufsteuerung, welche bereits 1947 für die Toyota Motor Corporation entwickelt wurde. 2007 stellte David Anderson sein Gesamtkonzept von Kanban in der IT der Öffentlichkeit vor und 2010 planten Bernd Schiffer und seine Frau Victoria ihre Hochzeit nach diesem Prinzip – offensichtlich erfolgreich :).

Kernpunkte von Kanban sind

  • das Pull-Prinzip: “Arbeit aktiv einfordern, anstatt sie sich übergeben zu lassen
  • eigenverantwortliches Arbeiten und selbstorganisierte Teams
  • releasefähige Softwarekomponenten sollen schnellstmöglich auslieferbar sein
  • limitierte Anzahl von Aufgaben, die parallel angefasst werden dürfen
  • Transparenz im Arbeitsprozess steht über allem

Der Dauerbrenner unter den Fragen war das Thema Tools in Kanban. Hier werden alle Freunde von technikgestützter Anwendung enttäuscht sein, mag es auch noch so einleuchtend sein: “Tools sind Innovationskiller”, so Bernd Schiffer im Vortrag. Er begründet es damit, dass kaum ein Tool so schnell, flexibel und transparent angepasst werden kann, wie das klassische, offline Kanban-Board. Man muss nicht erst überlegen, ob man die Anpassung mit dem Tool darstellen kann und wenn dies nicht der Fall sein sollte, muss die Anpassung überdacht werden – man macht es einfach zu Fuß mit Stift und Papier und alle im Team sind durch das Board auf dem neusten Stand. Sollte man trotzdem ein Tool benötigen, z.B. weil das Team nicht am gleichen Ort sitzt, empfiehlt IT-Agile Google Spreadsheets, weil es am ehesten für den Einsatz in Kanban geeignet sei.

Im direkten Vergleich mit Scrum ist Kanban sicherlich etwas leichter auf softwareentwicklungsfremde Bereiche zu adaptieren. Wie sagte Bernd am Samstag so schön: “Kanban ist wie im Swinger Club – alles kann, nichts muss.”.

Quintessenz für mich ist, dass diese Verfahren mit Sicherheit von der Softwareentwicklung auf andere Geschäftsbereiche adaptierbar sind. Prozesse werden verschlankt, optimiert und durch stetiges Feedback wird der Kunde in den Ablauf einbezogen. Aber natürlich gilt auch hier, dass das beste System nur so gut ist, wie das Team, das dahinter steht.

Michael Wagner schrieb am 25. Oktober 2010 zuEvents, Social Networks

Learning by doing

In meiner ersten öffentlichen Amtshandlung als Mitarbeiter des 13. Stocks durfte ich am Donnerstag, dem 21.10.2010 der Veranstaltung beesocial #1, organisiert von der Agentur beebop media, teilnehmen. Referenten waren Facebook Deutschland, vertreten durch Elke Rothbächer, sowie CALIDRIS 28 Deutschland, vertreten durch Julia Akra, die das Produkt Schwarze Dose 28 als Facebook-Usecase darstellten.

Viele interessierte Zuhörer, Copyright by Stefan Groenveld, http://www.stefangroenveld.de

Viele interessierte Zuhörer, Copyright by Stefan Groenveld, http://www.stefangroenveld.de

Als Erstes an der Reihe war Frau Rothbächer von Facebook. Diese referierte zunächst über die Möglichkeiten, die Facebook Unternehmen bietet, um sich zu präsentieren. Als Beispiele brachte sie unter anderem Starbucks sowie die „Wurstwasser“-Kampagne von Rügenwalder. Als aktuellstes Beispiel wurde dann auch die Chefticket-Kampagne der Deutschen Bahn angesprochen. Dies verknüpfte Frau Rothbächer geschickt mit den von Facebook gegebenen Werbemöglichkeiten, um die Bekanntheit bei der Zielgruppe sowie den Erfolg der Kampagnen/der Fanseiten zu steigern.

Im Rahmen von Starbucks wurden zum Beispiel Event-Ads vorgestellt, mit denen ein Event beworben und die Teilnahme in der Ad direkt bestätigt werden kann. Auch wurde in Ansätzen erklärt, wie die Werbungszuweisung dank der Likes vonstatten geht und dass man unter Umständen auf Facebook eine andere Zielgruppe anspricht bzw. ansprechen muss. Zu guter letzt wurde die Verknüpfung von Fanseiten mit Places-Seiten angekündigt, welche man ab Freitag Mittag auf sämtlichen Plattformen als Warnpostings (wegen schlechtem Design und Usability) lesen konnte. Alles in allem ein sehr marketinglastiger Vortrag, der vor allem ein Ziel hatte: Verkaufen von Ads.

Der zweite Vortrag war ein gelungener Usecase zum Thema Facebook Fanpages. Julia Akra stellte ihre Arbeit an der Seite von Schwarze Dose 28 vor. Sie hatte es geschafft, innerhalb von einem Jahr die Anzahl der Fans von 3.000 auf 25.000 zu steigern. Dies schaffte sie vor allem durch ihre Schlagfertigkeit und die freche Art zu schreiben. Sie stellte dar, wie sie ihre Postings konzipiert, wie sie auf kritischen Kommentare reagiert und wie das Zusammenspiel zwischen Vertrieb, vor allem mit dem Onlineshop, und ihrer Abteilung abläuft. Damit wurde anschaulich gezeigt, dass die Fanpage einen zwar kurzen, dafür aber großen Ausschlag der Besucherzahlen im Onlineshop erzeugte.

Kritische Kommentare auf der Seite werden von ihr zunächst mit Fachwissen pariert. Sie stellte aber auch einen Fall vor, bei dem der Fragende einfach nicht zufriedenzustellen war und zum Einen andere Fans für das Produkt in die Bresche sprangen und zum Anderen Frau Akra ab einem gewissen Zeitpunkt ironisch postete um die Diskussion zum Ende zu bringen.

Ihr Vortrag zeigte zwei elementare Punkte auf: Auf der einen Seite kann man durch persönliches Engagement sehr viele Fans generieren, da die Sympathie des Produkts hier unmittelbar mit der Sympathie zum Schreiber der Postings verbunden wird. Auf der anderen Seite wurde deutlich, dass Frau Akra keinerlei Vorgaben oder Richtlinien zur Verwaltung der Fanseite hatte. Somit durfte sie tun und lassen was sie wollte, was in ihrem Fall zu einem massiven Anstieg der Fans führte.

Der Vortrag von Julia Akra stellt somit ein wunderbares Beispiel dafür dar, dass man durch das Ausprobieren von Neuem, in diesem Fall eine Ausweitung der Kommunikationskanäle auf Facebook, nicht nur eine weitere, unter Umständen sehr loyale Nutzerschaft anspricht, sondern durch integrierte Kommunikation auch einen Return on Investment erzielen kann. Allerdings ist zu bemängeln, dass keinerlei strategische Planung eingesetzt wurde um die Fanseite voranzubringen. Im Fall von Schwarze Dose 28 hat dies zwar dennoch geklappt, was aber zum Einen an der Sympathie der Nutzer zum Schreibstil von Frau Akra, zum Anderen am Produkt selbst, welches ein junges und hippes Publikum anspricht, liegt.

Der gesamte Abend war also vollkommen im Zeichen von Facebook. Aufgrund der anwesenden Zielgruppe (vorwiegend Facebook-affine Personen) war der Vortrag von Frau Rothbächer inhaltlich zu flach. Auch von der späteren Resonanz in der Diskussionsrunde, in der sehr konkrete Fragen zur Nutzung von Fanseiten und Werbeanzeigen gestellt wurden, konnte man erahnen, dass die nötige Tiefe fehlte. Julia Akra konnte dies mit ihrem Vortrag wieder etwas wett machen, da sie nicht nur einen guten und erfolgreichen Usecase präsentierte, sondern zudem darstellen konnte, wie Marketing und Vertrieb effizient zusammenarbeiten können und somit die Arbeit von Social Media-Abteilungen einen Return on Investment liefern können.

Ich möchte mich auch noch einmal herzlich bei beebop media bedanken, die dieses Event wunderbar und professionell ins Leben gerufen haben. Im Gespräch mit Pedro Anacker, Geschäftsführer von beebop, und Sven Wiesner, Head of Social Media bei beebop, erfuhr ich, dass das nächste Event mit einer vorherigen Befragung der Teilnehmer geplant ist, wodurch der Wissensstand abgefragt und passende Referenten ausgewählt werden sollen. Dies ist meiner Meinung nach ein Schritt in die richtige Richtung und ich freue mich schon heute auf das nächste Mal.

Nicole Pingel schrieb am 18. Oktober 2010 zuEvents

Die große Kluft in der Medienlandschaft – Oder: Warum Totgesagte zum eigenen Henker werden

Medientage München – Eine Rückschau

Wie aufmerksamen Followern unseres Twitter-Accounts aufgefallen sein dürfte, war der der  13. Stock von Mittwoch bis Freitag der letzten Woche auf den Medientagen München unterwegs. Ziel war es, uns mit Branchen-Kollegen auszutauschen und vor allem über die neuesten Themen, Trends und Technologien des Online Bereichs zu erfahren und zu diskutieren. Einfach gemacht wurde es uns nicht.

Bereits innerhalb der ersten zwei Stunden der Eröffnungs-Veranstaltung kristallisierten sich die zwei Meinungsfronten heraus, die sich durch die gesamten Medientage ziehen sollten. Auf der einen Seite: die konservativen Vertreter der traditionellen Medien und Medienpolitik. Auf der anderen Seite: technologiebegeisterte, fortschrittliche Nutzer der neuen Medien und Vertreter der Internet-Branche. Symbolisiert wurden die Seiten durch Horst Seehofer (Ministerpräsident Bayern), der die Eröffnungsrede hielt und Dr. Mathias Döpfner (Vorstandsvorsitzender Axel Springer AG) als Keynote-Referent.

Die Schlüsse, die ich insgesamt aus den Medientagen 2010 gezogen habe, werde ich hier einmal erläutern:

1. Politik und Journalismus haben einen Traum: Die Rückgewinnung der Kontrolle über das Internet

Auf den Medientagen zeigte sich, dass sowohl Politik als auch Journalismus (vor allem Print) offenbar weit entfernt davon sind, am Puls der Zeit zu agieren. Dabei konnte man den Eindruck gewinnen, dass der Grund ein aktiver Protektionismus sei, der durch diese beiden Akteure aktuell geschaffen und aufrecht erhalten wird. Denn die neuen Technologien lösen wahre Existenzängste aus: In der Politik ist es die Angst vor der Erstarkung einer breiten, mit den neuen Medien vertrauten Öffentlichkeit, die sich die kollaborativen Medien zunutzemachen könnte, um sich gegen Entscheidungen der Politik zu stellen. Aber tatsächlich gelebte Demokratie? Machtverlust? Nein, danke! Daher reagieren viele Politiker mit einer Restauration der Werte und stärken den Teil der Bevölkerung, der sich gegen die digitale Welt stellt.

Ähnliches gilt für den Journalismus. Den meisten Journalisten geht es nicht um die Rettung des Mediums Papier. Es ist die Angst davor, dass professioneller Journalismus durch nutzergenerierte Inhalte immer weiter an Bedeutung verlieren, dass sich eine Art fünfte Gewalt im Staate entwickeln könnte, die nicht nur der Politik sondern auch den professionellen Journalisten auf die Finger schaut und ganz nebenbei auch noch ihre Erlösmodelle untergräbt.

So fallen sie immer wieder aufs Neue, die Buzzwords, die seit Wochen und Monaten durch die Medien geistern: Datenschutz im Internet, Netzsperre, Leistungsschutzrecht und Co. Sogar eine grundsätzlich verfügbare Löschtaste für Web-Inhalte wird da gefordert. Als Argumente für diese Forderungen nach wie vor gebetsmühlenartig wiederholt: Kinderporno, Nazi-Propaganda, Google News, Google Streetview. Achja: Google gilt übrigens noch immer als Staatsfeind Nummer Eins. Da kann ein Herr Schindler (Google Vice President, Northern & Central Europe) ein starkes Argument nach dem anderen aus dem Hut ziehen. Jemand muss ja die Verantwortung tragen für dieses Internet.

2. Mangelndes Technik-Verständnis verstärkt den Rückstand von Politik und Journalismus zusätzlich

Nie zuvor war ein Trägermedium der Medienlandschaft so komplex wie das Internet und computerbasierte Technologien im Allgemeinen. Noch nie zuvor war es außerdem so wichtig, Grundkenntnisse über die technologischen Zusammenhänge zu besitzen, welche diese Medien zu dem machen, was sie sind, um sie gesellschaftlich und medienpolitisch adäquat bewerten zu können. Hier sehe ich derzeit einen sehr großen Mangel, der meiner Meinung nach einen Hauptgrund für die große Kluft darstellt: Klassische Medienmacher haben zu wenig technologisches Interesse und Verständnis, um die Chancen der Technik für sich nutzen zu können und mit ihrer Hilfe neue Erlösmodelle zu etablieren.

3. Es mangelt an Medien- Web-Kompetenz

Auch inhaltliche Verständnisprobleme vergrößern die Kluft. Die Sorge um den Datenschutz und den gesellschaftlichen Einfluss der sozialen Medien hält viele Menschen vom Ausprobieren der neuen Möglichkeiten ab. Was ihnen dann fehlt sind geeignete Strategien dafür, wie man den technischen Fortschritt zu seinem eigenen Vorteil nutzen kann, ohne sich selbst zu schaden. Nur wer sich ins Wasser begibt, lernt das Schwimmen. Wer die neuen Medien nicht nutzt, lernt nicht mit ihnen umzugehen. Und schadet sich damit im Zweifel sogar mehr.

4. Auch die neue Generation junger Medienmacher steht den neuen Medien skeptisch gegenüber


Eher durch Zufall gerieten wir auf der Konferenz in die Auftaktveranstaltung der Jugendmedientage. Hier zeigte sich: Digital Natives in ihrer aktuellen Definition und Symbolik sind kein Massenphänomen. Fälle wie Y-Titty, (die sich ebenfalls auf dem Kongress vorstellten), in denen Jugendliche instinktiv digitale Inhalte erstellen, distribuieren und vermarkten (nach allen Regeln der Social Media Markting Kunst) stellen die Ausnahme dar, nicht die Regel. Warum ich das glaube?

Im Publikum der JMT saßen etwa 300 Jugendliche, die den Beruf des Journalisten anstreben. Erstaunlicherweise bot sich uns hier das gleiche Bild, wie in der Elefantenrunde einen Tag zuvor. Der adäquate und nutzenstiftende Umgang mit Facebook, StudiVZ und Co. ist auch den „jungen Menschen“ keinesfalls grundsätzlich angeboren: Da erzählt ein Mädchen von ihrer 18jährigen Freundin, die noch nie das Internet genutzt hat und erntet dafür zustimmenden Applaus. Unterm Strich zeigte sich, dass da eine neue Generation von Medienmachern heranwächst, die ihren Vorgängern stark zu gleichen scheint. Es scheint möglich, dass die Probleme der Vorgänger übernommen und weitergetragen werden, da neue Technologien und Nutzungsformen allzu skeptisch betrachtet werden und sich so Innovationen und neue Erlösmodelle nicht etablieren können.

Fazit:

Sollten die Eindrücke, die man auf den Medientagen gewinnen konnte, die Realität widerspiegeln, wird der Abstand zwischen klassischen Medien und IT- und Internet-Branche immer größer. Und es scheint, als wäre der Journalismus dabei sich sein eigenes Grab zu schaufeln, wenn er nicht beginnt, die neuen Medien umfassend einzusetzen und zu seinem Vorteil zu nutzen.

“Lange Zeit mussten die Onliner von den Offlinern lernen, mittlerweile ist es umgekehrt.”Sebastian Metzner von TrendONE im Panel Augmented Reality

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Und wer sich selbst ein Bild machen möchte: Hier gibt es die Mitschnitte der Gipfel und Panels in der Medientage Mediathek.