Archiv für Mai 2012

Sebastian Baumer schrieb am 15. Mai 2012 zuApps, News

Verbindungsprobleme – Zum Start der Social TV-Sendung “Rundshow”

Es ist ein relativ guter Indikator für den Fortschritt des Internets, zu beobachten, wie viele Blogger trotz ihres Dauermantras vom Sterben der alten Medien noch ins Fernsehen wollen, weil es dort “ein bisschen” mehr Reichweite und Reputation abzuholen gilt. Ein neuer und relativ großangelegter Versuch, TV und Internet multi-crossmedial zu verschmelzen, startete gestern Abend ausgerechnet im etwas angestaubten Bayerischen Rundfunk und zeitgleich live im Netz auf einem undankbaren Sendeplatz um 23 Uhr.

Die “Rundshow” mit Blogger und Apple-Fan Richard Gutjahr sowie Podcaster und Radiomann Daniel Fiene, lange vorab über alle Kanäle und auf der re:publica angekündigt, tritt an, um endlich das ins Programm mit einzubeziehen, was sowieso passiert: Die permanente Kommentierung und Diskussion von TV-Sendungen über Twitter und Co. “Das vielleicht größte TV-Experiment des Jahres” bloggte folgerichtig auch Berufshysterikerkommentator Thomas Knuewer im Vorfeld.

In der Realität sah die leider nur 30minütige “Start Up im TV”-Sendung leider deutlich weniger spannend und auch viel weniger experimentell aus: Die beiden Moderatoren saßen in einem optisch leicht finster geratenen Studio, Anmoderation, Clips und Interviews wechselten sich in klassischer Manier ab, das Ganze erinnerte an eine noch etwas epileptischere Version von Gottschalk Live: Schnelle Übergänge zwischen vorab produzierten Inhalten und hastig geführte Gespräche über Skype und Google Hangout mit einer Menge Verbindungsproblemen, von denen am Ende der Sendung leider nur sehr wenig beim Zuschauer hängen blieb, trotz des vermeintlich sehr ergiebigen Themenfadens der Occupy-Bewegung in Spanien. Der Tiefpunkt der Sendung war erreicht, als der Aktivist, Holocaustüberlebende und Autor Stéphane Hessel interviewt wurde: Das Team filmte einen sehr kurzen und wackelig-hakeligen Skypevideochat auf einem iPad ab, das Medium “Netz” wurde an der Stelle leider vollends zum Selbstzweck der Sendung, nach dem Motto: “Hey, wir benutzen hier ein iPad und haben total viele Follower auf Twitter, das sollte als Konzept reichen, Inhalte kommen erst an zweiter Stelle”.

Auch das interaktive Element der Sendung war dürftig – abgesehen von den Hangout-Interviewpartnern (über die man so gut wie nichts erfuhr – waren sie zufällig ausgewählte Nutzer zum Thema oder schon vorab gesuchte Personen?) beschränkte es sich vor allem darauf, dass die Nutzer mittels einer eigens dafür produzierten Smartphone-App namens “Die Macht” mit ein paar Knöpfen fortlaufend ihre Zustimmung und Ablehnung zum Bildschirmgeschehen kundtun konnten. Am Ende wurde weniger als zehn Sekunden lang die passende Statistik dazu eingeblendet, ohne näher darauf einzugehen. Eine Hardware-App für das Fernsehen, die noch etwas interaktiver als “Die Macht” ist, gibt es allerdings schon: Sie nennt sich Fernbedienung und man kann damit mit nur einem Klick zu einem ganz anderen Kanal wechseln. Zumindest aber kann der Zuschauer bei der “Rundshow” auch nach der Sendung weiter mit den Machern diskutieren und einen fortlaufenden Einblick hinter die Kulissen bekommen. Das passiert aber dann “ganz klassisch” auf Facebook, Twitter und dem eigenen Blog.

Dass man unterhaltsames und intelligentes Fernsehen über das Thema Internet machen kann, das hat “Elektrischer Reporter” von Mario Sixtus eindrucksvoll bewiesen. Wie man Fernsehen mit dem Netz kombinieren kann, daran wird wohl noch eine ganze Zeit lang herumexperiment werden. Es dürfte spannend werden, zu beobachten, wie sich die “Rundshow” in der Zukunft weiter entwickelt und ob die Macher auf das bislang eher durchwachsene Feedback eingehen und das Konzept in Verlauf der geplanten vier Wochen Sendezeit noch modifizieren werden. Den Start der “Rundshow” muss man vorerst unter den Tags “gut gemeint” und “hat Potential” in den Bookmarks ablegen.

Mathias Buettner schrieb am 14. Mai 2012 zuOnline Trends

Geschichten aus 1001 Database

Daten sind Storys!

Das Thema Daten ist nicht gerade sexy. Entweder einem kommen seitenlange kryptische Tabellen mit einer unüberschaubaren Informationsflut in den Sinn, die eher von Maschinen für Maschinen gedacht sind, oder man denkt an die ermüdenden politischen Debatten rund um den Datenschutz, die der Entwicklung immer drei Schritte hinterherlaufen, und man beginnt zu gähnen.

Auch auf der re:publica war die Angelegenheit nicht unter den Trending Topics der Berichterstattung, obwohl das Thema durchaus in mannigfaltiver Ausprägung in Panels verhandelt wurde: vom Data Mining über den selbstbestimmten Umgang mit Daten bis hin zum Krieg um Daten. Ein Highlight war für mich der Vortrag von Stefan Plöchinger und Lorenz Matzat mit ihrem Projekt Zugmonitor.

Der spannende Punkt dabei war nicht nur, wie man öde Rohdaten der Deutschen Bahn gewinnen und anschließend anschaulich und sinnvoll aufbereiten kann, sondern wie man daraus auch noch eine journalistisch relevante Geschichte macht. Der Datenjournalismus (beziehungsweise Data Driven Journalism) präsentiert sich als die große Innovation und Chance des Online-Journalismus.

Wir kennen sie alle zur Genüge, die sich wiederholenden Berichte zur Unpünktlichkeit der Bahn. Wie bei jedem Thema, das eine große Zahl von Menschen betrifft, sind die Verspätungen der Bahn ein Klassiker unter Journalisten – wie das verrückt gewordene Wetter. Nun hat sich die Süddeutsche Zeitung den Trainmonitor des OpenDataCity auf die Website geholt – und damit einen Mehrwert geschaffen, der weit über den reinen Bericht hinausgeht. Das Medienhaus unterfüttert damit nicht nur einen Artikel mit Fakten (wie bei einer Infografik), sondern nimmt die aggregierten oder recherchierten Daten zum Anlass für die Berichterstattung.

Und das ist das wirklich Neue am Daten-Journalismus: Die Daten sind nicht Beiwerk, sie sind die Story.

Zunächst werden die Rohdaten recherchiert, dann interaktiv aufbereitet und letztendlich von einem Artikel begleitet oder als Themenschwerpunkt veröffentlicht. Wenn neben der aufbereiteten Variante auch noch die Rohdaten zur Verfügung gestellt, vielleicht sogar über eine API weitere Verwendungsmöglichkeiten eröffnet werden, ist das investigativer Journalismus in Höchstform.

Ein weiteres Beispiel hierfür ist die Berichterstattung des Guardian zum Rüstungsbericht des Friedensforschungsinstituts SIPRI vom April 2012. Überhaupt findet man im Guardian einen Vorreiter dieser journalistischen Gattung. Im Onlineauftritt gibt es seit 2009 den Menüpunkt DATA und eine Menge databasierter Berichterstattung wie aktuell die großartige Visualisierung der Gay rights in den Staaten der USA.

Warum Datenjournalismus?

Die Webpräsenzen der großen Printitel haben sich zwar in den letzten Jahren gut entwickelt, doch bleibt gerade das interaktive Potential des Mediums bisher oft weitestgehend ungenutzt. Text und Bild der gedruckten Ausgabe wurden ergänzt durch Audio und Video – beide eigentlich nicht gerade Kerngeschäft der Verlage.

Durch ansprechend, interaktiv, vielleicht spielerisch aufbereitete Daten können die Online-Portale ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber ihren gedruckten Mutterblättern etablieren und ihre Stärke ausspielen. Dabei bleiben sie auch noch bei ihren Kompetenzen und ihrer Herkunft treu, denn Infografiken gehören seit jeher zum Print.

Dass sich journalistisch aufbereitete Daten im Medienangebot auch lohnen können, zeigt der Texas Tribune: In der Online-Ausgabe der Zeitung findet der Texaner Daten zur Qualität der Schulen, zur Kriminalität oder zur Wahlkampf-Finanzierung in seiner Region. Das Angebot läuft so gut, dass das eigentlich stiftungsfinanzierte Verlagsangebot mittlerweile sogar Gewinn abwirft.

Woher die Daten?

Mit data.gov oder data.gov.uk bieten die angloamerikanischen Länder in Sachen Open Data viel Material für Data Journalisten. Aber auch Berlin oder Wien haben gute Ansätze in diese Richtung. Grundsätzlich eröffnet das Informationsfreiheitsgesetz seit 2006 auch in Deutschland viele neue Wege zu den Daten von Bundesbehörden – auch wenn die Bewegung hin zu mehr Informationsfreiheit (wohl kulturbedingt) noch nicht ihren Weg zu allen Mitarbeitern in den Ämtern gefunden hat. Da heißt es dann, hartnäckig sein – eine altbewährte Tugend im Journalismus.

Eine andere Möglichkeit Daten zu recherchieren, ist natürlich, sie selbst zu aggregieren. So werden auch für Zugmonitor die Daten einfach von der Website der Deutschen Bahn gescrapet und auf eigenen Servern gespeichert, da die Bahn selbst keine Rohdaten über Verspätungen ausgibt.

Ein gutes Tool zur einfachen Visualisierung von Rohdaten bietet übrigens Google mit Fushion Tables. Einfach Daten hochladen und Feintuning starten. Die Darstellungsarten wachsen ständig, wie man gut am Parteispenden-Netzwerkgraphen sehen kann, der mit Fushion Tables aus den Daten des Parteispenden-Recherchetools der taz erzeugt wurde.

Daten gibt es jedenfalls genug. Wir produzieren sie täglich nebenbei, sozusagen als Abfallprodukt, mit unseren Wettermessstationen, beim Einkaufen und Bezahlen, bei der Bewegung durch den Raum mit unseren Smartphones usw. Es gab noch nie so viele Daten wie heute – doch was bringt schon die reine Datenflut? Genau hier zeigt sich die (neue)  Existenzberechtigung des Journalismus stärker denn je.

Next Step Robojournalismus?

Wie Lorenz Matzat in seinem Beitrag zur Veranstaltungsreihe twenty.twenty aufzeigt, gibt es bereits heute Ansätze, Artikel auf Basis von Daten von Robots schreiben zu lassen. Wird der Journalist also überflüssig?

Nein, sicher nicht. Denn die reine Darstellung oder sprachliche Wiedergabe von Daten ist noch kein Journalismus. Sie müssen ausgewählt und interpretiert werden, oft auch erklärt. Eine gewissenhafte Recherche, die auch subjektive, intensionistische Auswahl und die professionelle Aufbereitung eines Stoffes sind die Kompetenzen des Journalismus. Beim Datenjournalismus werden eben diese Stärken wesentlich.

Eine gute Visualisierung von Daten unterstützt die Presse bei ihrer Arbeit und zeigt neue Themen auf (wie das Bewegungsprofil des Grünen Politikers Malte Spitz aus 2011 zur VDS). Es gibt jede Menge Geschichten zu erzählen, die hinter Zahlen- und Buchstabenkolonnen lauern. Es liegt an den Journalisten, diese zu finden und die passenden Narrative zu entwickeln. Dann muss einem um die Verlagshäuser und ihre Qualitätspublikationen nicht bange sein. Im Gegenteil: Der Datenjournalismus eröffnet Chancen, die es im Print nicht gab.

> OpenDataCity, die den Zugmonitor gebaut haben und gerade für 2 Grimme Online Awards nominiert sind

Sebastian Baumer schrieb am 10. Mai 2012 zuApps

App Review: Stuffle (iOS, iPhone)

Konzept

Stuffle.it von den Digial Pioneers aus Hamburg präsentiert sich als lokaler “Flohmarkt” zum Kaufen und Verkaufen von (Gebraucht-)Gegenständen mit gelungener Darstellung im Pinterest-Stil, der ausschließlich in App-Form und Location-basiert daherkommt. Die Schwerpunkte liegen dabei, wie bei einem echten Flohmarkt auf dem Stöbern nach (obskuren) Gegenständen, aber auch auf dem Verhandeln mit dem Verkäufer und auf dem Austauschen von Nachrichten. Das Konzept trifft damit eine tatsächlich existierende Lücke, auch wenn es bereits ähnliche Apps auf dem Markt gibt.

Design

Designtechnisch ist Stuffle ziemlich gelungen: Schöne Pastellfarben, ein Logo, das man ohne Nervgefahr oben in der Mitte der Navigation Bar immer im Blick haben kann, auch das App-Icon ist außerordentlich attraktiv. Beim Hauptbereich mit den Wasserfall-artig in großen Bildern dargestellten Angeboten, die endlos nach unten weiterscrollen, hat man sich freilich schamlos bei Pinterest bedient, aber das macht derzeit das halbe Internet. Die Tab-Bar (Hauptnavigation) wurde bei aktiver Auswahl in eben dem hellrosa Farbton eingefärbt, der auch sonst die App dominiert. Einziges Problem sind die Icons an selber Stelle, die ein bisschen zu filigran und detailliert gestaltet sind, so dass man nicht in jeder (Licht-)Situation direkt auf den ersten Blick erkennen kann, was das Symbol darstellt, auf das man klickt. Look and Feel sind nach iOS-Standards modelliert, aber auch individuell genug, um aus der Masse herauszustechen.

Usability / User Experience

Worüber man streiten kann: Die Anmeldung, die ausschließlich über Facebook läuft. Selbiges macht allerdings inzwischen jede zweite App und es funktioniert bei Stuffle reibungslos.

Ein wirklich ärgerlicher Punkt ist allerdings das “Profil”, einer der drei Hauptnavigationspunkte, unter dem nach erfolgreicher Anmeldung nichts anderes für den Nutzer zu tun ist, als sein eigenes Facebookbild anzugucken oder auf verschiedenen Wegen “Freunde einzuladen” (i.e. für die App zu werben). Ansonsten ist die Bedienung allerdings gelungen: Die anderen beiden Menüpunkte “Kaufen” und “Verkaufen” sind schlüssig aufgebaut und sehr intuitiv zu benutzen. Der Kaufbereich ist unterteilt in Entfernung des eigenen Standorts zum Anbieter (Angebote näher als 3 km sind ganz oben, näher als 10 km etwas weiter unten usf.) und es kann sehr unkompliziert ein Angebot angenommen, ein Preisvorschlag gesendet oder mit dem Verkäufer per Nachricht Kontakt aufgenommen werden. Auch der Verkaufen-Bereich, der über die Kamera (optional Camera Roll) und drei einfache Felder (Titel, Beschreibung, Preis) funktioniert, wirkt sehr durchdacht und nutzerfreundlich.

Etwäs rätselhaft ist die unterhalb der Navigation Bar angebrachte Sub-Navigation. Zwar ist es clever, diese wegscrollen zu lassen, wenn man beim Stöbern durch die Photos navigiert, um mehr Platz für die Bilder zu haben, aber warum man zwei verschiedene Bereiche für “Verhandeln” und “Archiv” braucht (jeweils einmal für die Käufe und einmal für die Verkäufe), bleibt das Geheimnis der Entwickler. Hätte man diese Bereiche stattdessen in den bislang sinnleeren Hauptmenüpunkt “Profil” (wo man sie erwarten würde) integriert, dann hätte man sich die Subnavigation sogar ganz sparen können.

Fazit

Stuffle ist eine ingesamt sehr gelungene App, die ein bisschen die Nische besetzt, die das inzwischen komplett verstaubte und nicht mehr wirklich benutzbare eBay hinterlassen hat: Verkäufe von Privat an Privat. Präsentation und Usability sind in den weitesten Teilen sehr schlüssig und modern, es macht vor allem aber sehr viel Spaß, die App zu benutzen. Jetzt fehlen nur noch ein paar mehr Nutzer und mehr Angebote, dann könnte das hier zu einem Erfolg werden. Noch schöner würde die App durch die Bildlastigkeit außerdem natürlich auf einem iPad aussehen.

Sebastian Baumer schrieb am 9. Mai 2012 zuEvents

Mitten im Mainstream – Die re:publica 2012

Ein kleiner Rückblick auf die re:publica 2012: Auch wenn der Veranstaltungsort, die Station Berlin, auf Twitter viel Zustimmung erntete, war ich selbst doch nicht auf Anhieb überzeugt. Die familiäre Atmosphäre des Friedrichstadtpalastes und der Kalkscheune, sowie der Standort mitten in Berlin waren für mich doch immer ein wichtiger Bestandteil der größten deutschen Netzkonferenz. Das neue Gelände mit seinen (Sponsoren- und Info-)Ständen in der Haupthalle rief bei mir doch eher IT-Messe- und Lagerhallen-Assoziationen hervor, auch wenn mir im Verlauf der Veranstaltung klar wurde, dass der Umzug wohl einfach sein musste, um die Veranstaltung konzeptuell weiterzuentwickeln: Mehr Platz, dadurch deutlich weniger Überfüllung, schneller Wechsel zwischen den Sessions – am neuen Veranstaltungsort alles kein Problem, kein wildes Gedränge in engen Hinterhöfen, um in einer der Geheimtippveranstaltungen doch noch einen Platz zu ergattern. Und da im direkten Umkreis nicht allzuviele gastronomische Ausweichmöglichkeiten sind, blieb auch beim Abendprogramm ein großer Teil der Gäste im Außenbereich der Station mit re:fill-Bar und die Runde zersplitterte sich nicht auf verschiedene Orte, wie es bisher immer der Fall war. Die übliche Frage: “Auf welche Party gehst Du heute Abend und mit wem?” war damit eher hinfällig.

Die Qualität des Programms war dabei 2012 völlig subjektiv betrachtet um einiges höher als in den letzten Jahren, aber vielleicht lag das auch nur an einem glücklichen Händchen bei der Auswahl aus dem breiteren Angebot mit jeweils sieben verschiedene Tracks, die parallel liefen und die in verschiedene Schwierigkeitsstufen unterteilt wurden. Andere Stimmen wollen ähnlich schwache Vorträge wie in den letzten Jahren beobachtet haben (vor allem bei den üblichen Verdächtigen, die im Grunde jedes Jahr den gleichen alten Quark erzählen und um sich selbst kreisen).

Für mich besonders sehenswert am Ersten Tag: “Make Love Not Porn” von Cindy Gallop, die mit ihrem Projekt über die Unterschiede zwischen Pornographie und echtem Sex aufklären und damit jüngeren Menschen, die quasi von Pornographie im Netz sexuell sozialisiert wurden, zeigen möchte, wie konstruiert dieses Bild von Sexualität zum größten Teil ist. Sehr spannend im Anschluss die internationale Session “Twittern aus dem All für die digitale Öffentlichkeitsarbeit” mit echten Astronauten von verschiedenen Raumfahrorganisationen, die über ihre Erfahrung mit Social Media berichten. Leider blieb der Saal halbleer. Stattdessen laut Berichten komplett gefüllt: Deutsches Blogosphären-Bashing, das zwar am Ende auf das Fazit kommt, dass in der Szene mehr an einem Strang gezogen werden muss, aber dennoch nicht müde wird, zu erklären, wie weit die Amerikaner uns doch angeblich vorraus sind (vor allem in Sachen “Reichweite”). Nun ja. Sehr gerne gesehen (aber leider verpasst) hätte ich außerdem Kixka Nebraska mit “About Me – die digitale Fassade” über Identitätskonstruktion im Netz, die im letzten Jahr einen überraschend guten Vortrag hielt und laut mehreren Berichten auch in diesem Jahr wieder ein Highlight des Programms bot. Unvermeidlich und wie immer sehr unterhaltsam im Anschluss: Sascha Lobo, der sich in Anlehnung an The Oatmeal in seinem “Überraschungsvortrag” (Video bei Spiegel Online) dem Zustand des Internets 2012 annahm, zu Recht diverse hippe und weniger hippe Apps und Social Networks (Instagram, Pinterest, Google+) für völlig irrelevant erklärte und die langsame Ankunft von Netzthemen im Mainstream attestierte – nicht zuletzt auch am Beispiel der Piraten.

Tag Zwei: Meine persönlich größte Enttäuschung der #rp12: Das Panel “Übermorgen TV” mit u.a. @sixtus, @MrsBunz und @ChristophKappes, das als Diskussionsrunde zu ein paar in Zukunft vermeintlich wichtigen Themen im Netz angelegt und mit sehr guten Videoeinspielern aus der gleichnamigen Serie als Themenaufhänger unterlegt war. Leider wirkten alle auf der Bühne sitzenden Personen völlig unvorbereitet, hatten wenig bis gar nichts zu den Themen zu sagen und auch das Publikum wollte nicht den Lückenfüller spielen. Irgendwann: Saalflucht. Deutlich interessanter im Anschluss: Das leider wiederum nur sehr schlecht gut besuchte Panel “From Dissent to Disillusionment” zum arabischen Frühling auf der großen Bühne, Teil einer Reihe von politischen Sessions am Tag Zwei. Überhaupt ein Problem der re:publica (wie auch in den letzten Jahren): Die internationalen und zum Teil hochinteressanten Themen, die zu Recht aufgrund ihrer Relevanz der großen Bühne platziert werden, ziehen deutlich weniger Menschen an, als nerdige Selbstreferenz-Sessions – Foodblogs sind beim Publikum einfach populärer als Revolutionen. Ein echtes Highlight unter den Selbstbeleuchtersessions ist für mich hingegen “Blogger im Gespräch” mit Moderator Philip Banse über herausragende Blogprojekte aus dem letzten Jahr in Deutschland, in dem vor allem Raul Krauthausen und seine Idee der Wheelmap nachhaltig Eindruck hinterlassen. Am Abend noch eine überraschend gute Veranstaltung: “Poetry Spam” ersetzt die bisherige (und leider immer unsäglich unwitzige) Twitterlesung und zitiert aus Spam-Mails mit fast poetischer Qualität. Sehenswert.

Tag Drei: Das Problem, das Twitter zumindest in Teilen seiner Userschaft hat, könnte man nicht deutlicher ausdrücken, als es Katie Stanton, Head of International Strategy bei Twitter, mit ihrem eher belanglosen Vortrag “Twitter joining the Conversation” tut: Fernsehen, Sport und Politik (aber nur im Fernsehen und passiv) werden als die großen Use-Cases für den Microbloggingdienst präsentiert. Der einzige spannende Moment des Vortrags: Als jemand im Publikum fragt, was jetzt eigentlich mit Posterous passieren wird, das Twitter kürzlich gekauft hat. Keine Auskunft, natürlich. Man hätte ihr am Ende fast empfehlen wollen, selbst mal ein bisschen auf Entdeckungsreise durch ihre Plattform zu gehen und zu beobachten, was sich da eigentlich sonst noch so alles tummelt an interessanten Themen und Menschen, für die das Medium nicht nur ein Begleitkanal zu Ereignissen in Massenmedien ist. Eines der besten Beispiele folgt direkt im Anschluss: Regierungssprecher Steffen Seibert, der erzählt, wie er mit seiner sehr sympathischen “Ich probier das einfach mal aus”-Sicht nach und nach Twitter als interessantes Kommunikationsmedium entdeckt und trotz CDU-Mitgliedschaft bei einem Großteil der Anwesenden Sympathiepunkte durch seine lockere, unterhaltsame und gleichzeitig sehr professionelle Art einheimst. Sehenswert außerdem: Kathrin Passig mit “Standardstituationen der Technologiebegeisterung” (Video bei Spiegel Online), die uns noch einmal eindrucksvoll demonstriert, was unter anderem bei der Erfindung der Bahn, des Telegrafen und des Films alles prophezeit wurde bis hin zum Weltfrieden. Das Fazit der Session: Technologie verändert so gut wie nie irgendetwas von sich aus, ruft aber immer unter Menschen die (meist leider utopische) Hoffnung hervor, dass sich aus ihr auch eine große gesellschaftliche Verbesserung ergibt.

Am Ende war eigentlich alles wie immer, nur mit deutlich mehr Teilnehmern und mit gefühlt mehr Mainstreamthemen (was aber nicht an einer Anpassung der Veranstaltung lag, sondern daran, dass “unsere” Themen auch gesamtgesellschaftlich im letzten Jahr deutlich mehr in den Fokus rückten): Die re:publica ist ein Event, auf die man jedes Jahr sehr gerne geht, um ein paar nette Menschen wiederzutreffen, neue kennenzulernen, sich ein paar gute Vorträge anzuhören und sich über ein paar schlechte zu ärgern. Alles im grünen Bereich.