Sebastian Baumer schrieb am 17. Januar 2012 zuOnline Trends, Social Networks, Tools

Warum ich in Zukunft mit Bing google.

Google hat in den letzten Jahren Fehler auf Fehler auf Dummheiten gehäuft. Jetzt fängt der Internetgigant an, seine Kernfunktionen zu zerstören.

Es war eine höchst unschöne Geschichte, von der außerhalb der Vielnutzerkreise kaum jemand etwas mitbekommen hat: Ende des letzten Jahres entfernte Google die sozialen Funktionen aus seinem Feedreader. Völlig unbeobachtet von der Facebook- und Twitter-Masse war dort im Laufe der Jahre ein eigenes Biotop entstanden, ein kleiner Zirkel aus Bloggern, die sich gegenseitig folgten und per One-Klick lesenswerte Artikel miteinander teilten. Ein unaufgeregtes, langsames Miteinander, bei dem nicht die lustigsten Gif-Bilder, die dümmsten Kommentare und die größten Egos, sondern richtig gute Artikel im Zentrum standen. Das Ganze wurde ersatzlos entfernt, Protest zwecklos. Stattdessen führte Google im Reader an der entsprechenden Stelle einen +1-Button ein, mit dem man Artikel auf Google Plus sharen kann, dem hauseigenen Facebook-Klon, dem mit allen denkbaren Mitteln mehr Nutzer zugeführt werden sollen.

Die Abschaffung der Sharing-Funktion innerhalb des Google Readers steht in einer Reihe von Dummheiten, die Google in den letzten Jahren fabriziert hat, um den Vorsprung von Facebook in Sachen personalisierter Nutzerdaten aufzuholen. Google will mit allen Mitteln “Social” werden und schießt dabei einen Bock nach dem anderen. Sie tragen Namen wie Wave, Buzz, Klarnamenzwang und priorisierte e-Mail-Inbox.

Grundsätzlich waren diese Dinge allesamt sehr lästig, aber harmlos. In Summe betrafen sie hauptsächlich diejenigen User, die eigentlich zu viel Zeit im Internet verbringen und die einen Höllenspaß daran hatten, die tollpatischen Experimente der alten Tante Google auf Twitter und in Blogs zu belächeln und zwei bis drei Google-Fanboys, die endlich die Übernahme der Weltherrschaft in greifbarer Nähe sahen und sich “I have moved to G+”-Profilbilder in ihre Facebook-Accounts packten, nur um sie drei Wochen später kommentarlos und verschämt wieder zu löschen.

Das hat sich jetzt geändert. Ich kann vermutlich keine Argumente vortragen, die in den letzten Tagen nicht schon anderswo genannt wurden, aber ich möchte doch festhalten, warum ich Google mindestens testweise den Rücken kehren werde, weil ich der Meinung bin, dass jetzt eine Grenze überschritten wurde: Mit dem supersperrig benannten Feature “Search Plus Your World” zerschießt Google nämlich ab demnächst auch in Deinem Land seinen innersten Kernbereich: Die Suchergebnisse. Die Suche wird in Zukunft personalisiert, es werden Google Plus-Profile hoch gerankt und Artikel weiter oben angesiedelt, die von Personen empfohlen wurden, mit denen man über Google Plus verknüpft ist. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit der Normalnutzer, der maximal bei Gmail eingeloggt ist und kein Profil dort besitzt, diese Veränderung überhaupt wahrnehmen wird, aber ich erwarte eine neutrale Recherche nach neutralen Relevanz-Algorithmen, wenn ich einen Begriff in die Suchmaschine meiner Wahl eintippe. Ich erwarte einen hohen Grad an Verlässlichkeit und muss einem Tool vertrauen können, das ich jeden Tag mehrfach nutze.

Lese ich manchmal gerne, was das männliche Tech-Nerd-Publikum, dass sich auf Google Plus vorwiegend tummelt, zu verlinken und zu sagen hat? Ja, natürlich. Die Entwicklung im Großbereich Internet ist eines meiner Interessensgebiete, es ist schlussendlich auch mein Job. Will ich, dass diese Gruppe von Leuten dafür relevant dafür wird, was ich bei jeder meiner Suchanfragen zu Gesicht bekomme? Unter gar keinen Umständen. Ich habe in vielen, vielen Fällen, in denen ich Google bislang nutzte, nicht das geringste Interesse an dem heißesten Scheiß aus der Social Media-Filterblase, ich möchte mich nicht an noch mehr Werbung, als dort sowieso schon vorhanden ist, vorbeiscrollen müssen (und nichts anderes als Werbung für einen eigenen Dienst sind die Google Plus-Profile an prominenter Stelle in den Suchergebnissen), um zu den tatsächlich relevanten Sachen zu kommen. Und ich möchte eigentlich auch nicht sehen, wie demnächst Artikel darüber geschrieben werden, wie wichtig Google Plus neuerdings aus SEO-Gründen geworden ist und dann beobachten, wie Leute dort zwanghaft ihre eigentlich verwaisten Profile plötzlich wieder pflegen, in der Hoffnung, dass es ihnen drei Klicks mehr für ihre Netzpräsenzen bringt. Letzteres ist wohl unvermeidlich, den Rest kann ich selbst umgehen.

Es wird es die Möglichkeit zum Opt-Out geben, die Möglichkeit, all diese Dinge gar nicht erst zu benutzen, aber das ist nicht der Punkt. Ich habe selbstverständlich keine Lust, bei jeder Suche doppelzuchecken, ob ich ausgeloggt oder eingeloggt bin und ob das Feature abgeschaltet ist, es geht hier aber nicht um die Bequemlichkeit des Nutzers, sondern um Prinzipien. Es geht um die Richtung, die Google nicht erst mit der Einführung von “Search Plus Your World” einschlägt, und die führt weg von der neutralen und höchst zuverlässigen Indexierung des Internets, die man seit Jahren kennt. Es ist ein bedenklicher Schritt. Natürlich könnte es tatsächlich sein, dass das Ganze im Grunde nur ein Versuch ist, mehr Druck in Richtung Twitter und Facebook aufzubauen, diese dazu zu bringen, ihre Daten für Google durchsuchbar zu machen, aber man kann am Ende keinem für die eigene Mediennutzung so zentralen Werkzeug vertrauen, dessen Anbieter seine seit Jahren eigentlich überragend gute Kernfunktionalität derart zu modifizieren bereit ist und permanent mit der Brechstange versucht, die Leute zur Nutzung eines seiner Zusatzdienste zu nötigen (demnächst übrigens auch via YouTube).

Ich bin dann vorerst mal bei Bing, Tante Google. Dazu reichen mir zwei Klicks, dann benutzt mein Browser (nein, nicht Chrome) Dich nicht mehr als Standardsuchmaschine.

5 Kommentare zu „Warum ich in Zukunft mit Bing google.“

  1. Frank sagt:

    Ich bin mir nicht sicher. Einerseits teile ich die Bedenken, was das momentane Verhalten von Google angeht, andererseits denke ich: Ist doch nur ein Klick mehr, den man machen muss, um es abzuschalten. Aber grundsätzlich kann ich verstehen, wenn man damit ein Problem hat, dass Google den Nutzern GPlus “aufzwingen” will.

  2. Johannes sagt:

    Guter Artikel, auch wenn ich die Meinung nicht teile. Ich sehe vor allem die Konsequenzen anders. Meiner Meinung nach werden durch diese Umstellungen nicht die Suchergebnisse verfälscht. Im Gegenteil. Dadurch, dass jeder meiner Freunde ein Experte auf einem bestimmten gebiet ist, ist die Chance, dass ich auf einen falschen Artikel hereinfalle geringer. Denn meinen Freunden gefallen natürlich nur die guten Artikel ihres Fachgebietes. Meiner Meinung nach wird es also nach der Umstellung wichtig sein, wen man in seiner Kreisen hat. Das heißt, dass das Ego-Aufbauen anhand der 2000 “Freunde” aufhört. Die Auswahl der Freunde muss besser gewählt werden um die bestmöglichen Ergebnisse zu bekommen. Google+ verbaut sich somit (bewusst?) in gewisser Weise die Chance, ein direkter Konkurrenz von Facebook zu werden und geht mehr in Richtung seriöses Netzwerk. Ich denke das könnte ganz spannend werden. Und letztendlich ist es nichts anderes als Wikipedia: Die Masse bestimmt die Fakten. Wisdom of crowds mit sozialem Faktor. Wer das nicht will kann ja, so wie der Autor, zu Bing oder Lycos oder wie sie alle heißen gehen. An Googles Autorität wird auch dieser Schritt nichts ändern. Und das Google keine reine Suchmaschine bleiben kann ist, so glaube ich, allen klar die sich ein wenig mit dem Internet beschäftigen. Ich meine mich erinnern zu können, dass es sogar mal die Diskussion gab, ob Facebook nicht irgendwann google ablöst. Also, wieso sollte die Erweiterung der Kernkompetenz nur in eine Richtung legitim sein?

    • Moin! Danke für den langen Kommentar. Richtig, im Grunde (wenn man es zu Ende denkt), dann ist es sogar nichts anderes, als das, was Google jetzt schon macht: Die Dinge höher zu ranken, die am meisten verlinkt sind. Das Problem fängt bei Google+ an: Dort ist einfach keine kritische Masse von Leuten zu wirklich verschiedenen Themen und das wird sie meiner Meinung auch zumindest mittelfristig nicht sein, sondern dort sind nur sehr Tech-/Social Media-affine Leute unterwegs. Insofern bringt mir die personalisierte Suche sicherlich was, wenn ich nach solchen Themen suche, danach hört es dann aber auch schnell wieder auf. Die meistverlinkten Literatur-Artikel in eben diesen Kreisen im letzten Jahr dürften sich zb. um Steve Jobs Biographie und Charlotte Roche gedreht haben. Bei dem Gedanken, solche Dinge präsentiert zu bekommen, wenn ich “Literatur 2011″ google, dreht sich mir eher der Magen um :). Mit einer breiten Masse von verschiedenen Leuten in den eigenen Kreisen (Facebook) wird das schon besser funktionieren, aber selbst dann bleibt immer noch das Filterblasen-Problem: Eine Suche, die Ergebnisse von Leuten präsentiert, mit denen ich schon vernetzt bin, führt recht schnell zum Tunnelblick. Am Besten bleibt imho am Ende die Suche danach, was “alle” für relevant halten. Also der Status Quo. Wenn man in dieses “alle” Social Media vernünftig einbindet (aber eben nicht nur Google+), dann wäre ich sofort dabei, aber nicht bei “XY Leute aus Deinen Kreisen fanden diesen Artikel zum gegoogleten Thema gut”.

  3. Johannes sagt:

    Nachtrag:

    Die Rechtschreibfehler sind der schnelllebigen Zeit geschuldet :D

  4. Pascal sagt:

    Jetzt meldet sich mal einer der verhassten Google-Fanboys zu Wort :-)! Vorab aber ein Lob an den gelungenen Artikel.
    Natürlich hat Google in den letzten 15 Jahren viel Mist aufgetischt. Buzz, Wave und noch andere unausgegorene Ideen. Aber ich persönlich finde es sogar gut, dass Google eben diese eine Chance einräumt und kein Geheimnis um deren experimentellen Status macht. Die größten Erungenschaften des Internets beruhen auf derartigen Ideen und dem Wagnis ihnen den notwendigen Raum zu geben. Aber darum soll es garnicht gehen.
    Jetzt ist die “Social Search” dran. Eine Idee, die aus meiner Sicht einer größeren Ideologie folgt. Socializing ist ein immer stärkeres Themen und auch buzzwords wie “sematisches Internet” fallen dieser Tage immer häufiger. Ich bin davon überzeugt, dass BigG sich selbst nicht aus der Kernkompetenz zurückzieht. Eher eine effektive Vernetzung der hauseigenen Dienste wozu eben auch ein G+ gehört.
    Natürlich umfasst G+ noch keine kritische Masse von 700 Mio Nutzern um ein ausgewogenes Maß an Qualität zu generieren. Aber es ist die richtige Zeit das Experiment wachsen zu lassen. Auch Google ist fehlbar, dessen ist sich Matt Cutts aber aber auch bewusst.
    Das waren jetzt viele Worte, aber das musste mal gesagt werden.
    Eins noch abschließend… der Autor kritisiert den Verlust der relevanten und neutralen Suchergebnisse. Das ist längst der Fall, da schon seit Jahren die Location als Kriterium mit existiert. Desweiteren sind auch hier die SEO-optimierten und Buzzword-Seiten besser gerankt als die mit den “relevantesten”. Also von einer neutralen Suche kann man aktuell auch nicht sprechen.

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