Nicole Pingel schrieb am 18. Oktober 2010 zuEvents

Die große Kluft in der Medienlandschaft – Oder: Warum Totgesagte zum eigenen Henker werden

Medientage München – Eine Rückschau

Wie aufmerksamen Followern unseres Twitter-Accounts aufgefallen sein dürfte, war der der  13. Stock von Mittwoch bis Freitag der letzten Woche auf den Medientagen München unterwegs. Ziel war es, uns mit Branchen-Kollegen auszutauschen und vor allem über die neuesten Themen, Trends und Technologien des Online Bereichs zu erfahren und zu diskutieren. Einfach gemacht wurde es uns nicht.

Bereits innerhalb der ersten zwei Stunden der Eröffnungs-Veranstaltung kristallisierten sich die zwei Meinungsfronten heraus, die sich durch die gesamten Medientage ziehen sollten. Auf der einen Seite: die konservativen Vertreter der traditionellen Medien und Medienpolitik. Auf der anderen Seite: technologiebegeisterte, fortschrittliche Nutzer der neuen Medien und Vertreter der Internet-Branche. Symbolisiert wurden die Seiten durch Horst Seehofer (Ministerpräsident Bayern), der die Eröffnungsrede hielt und Dr. Mathias Döpfner (Vorstandsvorsitzender Axel Springer AG) als Keynote-Referent.

Die Schlüsse, die ich insgesamt aus den Medientagen 2010 gezogen habe, werde ich hier einmal erläutern:

1. Politik und Journalismus haben einen Traum: Die Rückgewinnung der Kontrolle über das Internet

Auf den Medientagen zeigte sich, dass sowohl Politik als auch Journalismus (vor allem Print) offenbar weit entfernt davon sind, am Puls der Zeit zu agieren. Dabei konnte man den Eindruck gewinnen, dass der Grund ein aktiver Protektionismus sei, der durch diese beiden Akteure aktuell geschaffen und aufrecht erhalten wird. Denn die neuen Technologien lösen wahre Existenzängste aus: In der Politik ist es die Angst vor der Erstarkung einer breiten, mit den neuen Medien vertrauten Öffentlichkeit, die sich die kollaborativen Medien zunutzemachen könnte, um sich gegen Entscheidungen der Politik zu stellen. Aber tatsächlich gelebte Demokratie? Machtverlust? Nein, danke! Daher reagieren viele Politiker mit einer Restauration der Werte und stärken den Teil der Bevölkerung, der sich gegen die digitale Welt stellt.

Ähnliches gilt für den Journalismus. Den meisten Journalisten geht es nicht um die Rettung des Mediums Papier. Es ist die Angst davor, dass professioneller Journalismus durch nutzergenerierte Inhalte immer weiter an Bedeutung verlieren, dass sich eine Art fünfte Gewalt im Staate entwickeln könnte, die nicht nur der Politik sondern auch den professionellen Journalisten auf die Finger schaut und ganz nebenbei auch noch ihre Erlösmodelle untergräbt.

So fallen sie immer wieder aufs Neue, die Buzzwords, die seit Wochen und Monaten durch die Medien geistern: Datenschutz im Internet, Netzsperre, Leistungsschutzrecht und Co. Sogar eine grundsätzlich verfügbare Löschtaste für Web-Inhalte wird da gefordert. Als Argumente für diese Forderungen nach wie vor gebetsmühlenartig wiederholt: Kinderporno, Nazi-Propaganda, Google News, Google Streetview. Achja: Google gilt übrigens noch immer als Staatsfeind Nummer Eins. Da kann ein Herr Schindler (Google Vice President, Northern & Central Europe) ein starkes Argument nach dem anderen aus dem Hut ziehen. Jemand muss ja die Verantwortung tragen für dieses Internet.

2. Mangelndes Technik-Verständnis verstärkt den Rückstand von Politik und Journalismus zusätzlich

Nie zuvor war ein Trägermedium der Medienlandschaft so komplex wie das Internet und computerbasierte Technologien im Allgemeinen. Noch nie zuvor war es außerdem so wichtig, Grundkenntnisse über die technologischen Zusammenhänge zu besitzen, welche diese Medien zu dem machen, was sie sind, um sie gesellschaftlich und medienpolitisch adäquat bewerten zu können. Hier sehe ich derzeit einen sehr großen Mangel, der meiner Meinung nach einen Hauptgrund für die große Kluft darstellt: Klassische Medienmacher haben zu wenig technologisches Interesse und Verständnis, um die Chancen der Technik für sich nutzen zu können und mit ihrer Hilfe neue Erlösmodelle zu etablieren.

3. Es mangelt an Medien- Web-Kompetenz

Auch inhaltliche Verständnisprobleme vergrößern die Kluft. Die Sorge um den Datenschutz und den gesellschaftlichen Einfluss der sozialen Medien hält viele Menschen vom Ausprobieren der neuen Möglichkeiten ab. Was ihnen dann fehlt sind geeignete Strategien dafür, wie man den technischen Fortschritt zu seinem eigenen Vorteil nutzen kann, ohne sich selbst zu schaden. Nur wer sich ins Wasser begibt, lernt das Schwimmen. Wer die neuen Medien nicht nutzt, lernt nicht mit ihnen umzugehen. Und schadet sich damit im Zweifel sogar mehr.

4. Auch die neue Generation junger Medienmacher steht den neuen Medien skeptisch gegenüber


Eher durch Zufall gerieten wir auf der Konferenz in die Auftaktveranstaltung der Jugendmedientage. Hier zeigte sich: Digital Natives in ihrer aktuellen Definition und Symbolik sind kein Massenphänomen. Fälle wie Y-Titty, (die sich ebenfalls auf dem Kongress vorstellten), in denen Jugendliche instinktiv digitale Inhalte erstellen, distribuieren und vermarkten (nach allen Regeln der Social Media Markting Kunst) stellen die Ausnahme dar, nicht die Regel. Warum ich das glaube?

Im Publikum der JMT saßen etwa 300 Jugendliche, die den Beruf des Journalisten anstreben. Erstaunlicherweise bot sich uns hier das gleiche Bild, wie in der Elefantenrunde einen Tag zuvor. Der adäquate und nutzenstiftende Umgang mit Facebook, StudiVZ und Co. ist auch den „jungen Menschen“ keinesfalls grundsätzlich angeboren: Da erzählt ein Mädchen von ihrer 18jährigen Freundin, die noch nie das Internet genutzt hat und erntet dafür zustimmenden Applaus. Unterm Strich zeigte sich, dass da eine neue Generation von Medienmachern heranwächst, die ihren Vorgängern stark zu gleichen scheint. Es scheint möglich, dass die Probleme der Vorgänger übernommen und weitergetragen werden, da neue Technologien und Nutzungsformen allzu skeptisch betrachtet werden und sich so Innovationen und neue Erlösmodelle nicht etablieren können.

Fazit:

Sollten die Eindrücke, die man auf den Medientagen gewinnen konnte, die Realität widerspiegeln, wird der Abstand zwischen klassischen Medien und IT- und Internet-Branche immer größer. Und es scheint, als wäre der Journalismus dabei sich sein eigenes Grab zu schaufeln, wenn er nicht beginnt, die neuen Medien umfassend einzusetzen und zu seinem Vorteil zu nutzen.

“Lange Zeit mussten die Onliner von den Offlinern lernen, mittlerweile ist es umgekehrt.”Sebastian Metzner von TrendONE im Panel Augmented Reality

Das Feedback der Twitter-Gemeinschaft, hier.

Und wer sich selbst ein Bild machen möchte: Hier gibt es die Mitschnitte der Gipfel und Panels in der Medientage Mediathek.

6 Kommentare zu „Die große Kluft in der Medienlandschaft – Oder: Warum Totgesagte zum eigenen Henker werden“

  1. Wenn wir den Like-Button schon wieder integriert hätten, würde ich das liken :). Richtig guter Artikel, Nicole.

  2. Dominik Lay sagt:

    Hey, echt gut gelungener Artikel! Der wird gleich mal weiterverteilt. Dem Twitter-Feed konnte ich leider nicht folgen letzte Woche.

  3. Wolf sagt:

    Das erinnert mich fatal an das Verhalten der Drucker (Druckereimitarbeiter) bei der Einführung des Fotosatzes. Der erste Drucker, der eine entsprechende Fortbildungsveranstaltung besuchte, wurde wochenlang von seinen Kollegen gemobbt. Später stellte sich heraus, dass in dem kleinen Verlag, in dem ich arbeitete die neue Technik entgegen aller Befürchtungen sogar für einen erheblichen Zuwachs der Arbeitsplätze sorgte.

    Einige Jahre später sollte ein Redaktionssystem eingeführt werden, gegen erheblichen Widerstand der, im selben Verlang angestellten Journalisten. Das spätere Ergebnis ähnlelte dem der Drucker und Setzer. Durch den intelligenten Einsatz neuer Technik blieb das Haus bis heute konkurrenzfähig.

    All dies spielte sich Ende der 70er, bzw Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts ab. Heute betrifft es die Verleger, sich mit neuer Technik anzufreunden und diese in ihren Häusern zu etablieren. Die Verleger ergeben sich dem technischen Fortschritt zur Zeit aber mit demselben widerwilligen Beharrungsvermögen, wie einst Drucker und Journalisten. Die bekamen noch sanften Druck “von oben”, der den Verlegern leider fehlt. Die verhalten sich zur Zeit wie Kerzenfabrikanten, die sich mit diversen Varianten der Kerzenoptimierung und begleitenden Gesetzesinitiativen gegen die Einführung der Glühlampe wehren.

    Und da ich solche Vergleiche liebe, erinnere ich an die Berufsstände der Königlichen Ausrufer und Bänkelsänger, die vor mehr als 400 Jahren von den ersten Tageszeitungen abgelöst wurden. Wir erleben seit mehr als dreißig Jahren eine kontinuierliche Evolution der Digitalkultur, von den Verlegern offensichtlich unbemerkt, wie deren panische, gegen die Öffentlich Rechtlichen Rundfunkanstalten gerichtete Depublizierungsinitiative beweist. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit… ;)

  4. [...] Die große Kluft in der Medienlandschaft – Oder: Warum Totgesagte zum eigenen Henker werden | 13. Stock Online Relations [...]

  5. [...] deutscher Medienhäuser ist mir etwas mulmig zu Mute. Noch zu frisch sind die Erinnerungen an die Münchener Medientage im vergangenen Oktober. Aber ich werde tatsächlich positiv überrascht: Nicht ein Mal wird auch [...]

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