schrieb am 28. Oktober 2010 zuOnline Trends, User Generated Content
Innovatives Crowdsourcing: The Johnny Cash Project

Auf thejohnnycashproject.com ist Johnny Cash quicklebendig. Für den Titel ‘Ain’t No Grave’ von seinem letzten und in diesem Jahr posthum veröffentlichten Album ‘American VI: Ain’t No Grave’, das er kurz vor seinem Tod eingespielt hat, bastelt dort nämlich eine Community aus freiwilligen Netzeinwohnern und Cash-Fans an einem Musikvideo unter der Leitung von Regisseur Chris Milk (auch verantwortlich für das interaktive Video ‘We Used To Wait’ von Arcade Fire, das auf sehr originelle Weise mit der Einbindung von Google Maps arbeitet), dessen 1370 einzelne Frames aus von den Nutzern übermittelten Zeichnungen bestehen. Und jedermann kann ein Teil davon werden, besondere zeichnerische Fähigkeiten sind keine Vorraussetzung. Die Webseite selbst bietet sogar das notwendige Tool an, um direkt im Browser den eigenen Beitrag anzufertigen, der dann in den Bewertungspool eingespeist wird:

Was macht das Interessante an einem solchen Projekt aus? Vielleicht, dass es die Prozesse, die im Mitmach-Netz überall auf einer dem einzelnen User eher unbewussten Makro-Ebene ablaufen (Kollaboration, das Teilen von Wissen, die Vermischung kommerzieller und unkommerzieller Interessen, klassisches Crowdsourcing, die Anhäufung von Personen mit gleichgelagerten Interessen auf bestimmten Plattformen) verbindet und auf einer konkreten, verdichteten und ‘anfassbaren’ Ebene abbildet, quasi eine Wasseroberfläche des dahinterstehnden Prozesses gezeigt wird, die jedermann in der Mittagspause angucken und genießen kann, auch ohne, dass er erst einmal tiefer einsteigen müsste: Ein drei Minuten-Musikvideo. Aus einzelnen Zeichnungen tausender verschiedener Nutzer:
Nach den Prinzipien, die bei der Erstellung des Videos zum Tragen kommen, funktionieren nicht nur die grundlegenden Strukturen des Netzes im Allgemeinen und Social Media und Crowdsourcing im Besonderen, sondern es gibt auch eine ganze Reihe weiterer Kunstprojekte, die das in ähnlich konkreter und beeindruckender Form auf den Punkt bringen: Der ‘YouTube-Chor’ mit dem Titel ‘Lux Aurumque’ etwa: 185 Nutzer aus 12 verschiedenen Ländern singen den Titel, graphisch eindrucksvoll aufbereitet fügt der Komponist Eric Whitacre das Ganze zu einem virtuellen Chor zusammen, dessen musikalische Gesamtdarbietung sich durchaus hören lassen kann:
Wirklich innovativ und neu an ‘Ain’t No Grave’ und dem Johnny Cash-Projekt ist dagegen die Tatsache, dass es geschafft wird, die kollaborativen Prozesses des Netzes abzubilden, ohne, dass das Ganze wie bei bisherigen Projekten dieser Art ein statisches Werk ergibt.
Es ist nämlich erstens dreifach interaktiv – interaktiv natürlich für den, der mitmacht und mittels einer Zeichnung ein Teil davon wird, aber auch für denjenigen, der die anderen Zeichnungen bewertet und somit entscheidet, was am Ende tatsächlich im größeren Kontext Video landet (beim Abspielen können Varianten jedes einzelnen Frames angeklickt und mit Rating versehen werden, es ist sogar möglich, den Prozess der Entstehung jeder Zeichnung nocheinmal als Extra-Video anzugucken, zusätzlich sind Metainformationen über den Zeichner, den Zeichenstil und die aufgewendete Zeit enthalten) und schließlich sogar für den einfachen Zuschauer, der via der Weboberfläche die Möglichkeit hat, über diverse Filterkriterien sich ‘seine’ ganz persönliche Variante zusammenzustellen: Willst Du die Top-Rated Bilder in Deinem Video sehen? Oder doch die eher abstrakten Varianten? Vielleicht willst Du die neuesten Einsendungen im Video angucken? Oder soll es zufällig generiert werden? Auch als eigentlich passiver Part des Projektes muss man Entscheidungen treffen.
Zweitens ist es aber auch, und das ist vielleicht noch wichtiger, lebendig. Zumindest für den Zeitraum, in dem das Projekt von den Machern weiter aktualisiert wird, verändert sich das Video mit jeder neuen Zeichnung, jeder hinzugefügten Einsendung ein kleines Stück weiter zu etwas Neuem. Die richtigen Worte dafür findet Mashable:
Yes, video may have killed the radio star, and the web might have killed the video star — but is there another kind of star on the horizon?
Johnny Cash, der trotz seiner eher im konservativen Genre verortbaren Musik einen sehr offenen Geist für neue Ideen und vor allem für aus der Mitte der Gesellschaft kommende Bewegungen hatte, wäre vielleicht sogar ein bisschen beeindruckt von dem, was das Internet mit seinem Song macht.





