Archiv für Oktober 2010

Sebastian Baumer schrieb am 28. Oktober 2010 zuOnline Trends, User Generated Content

Innovatives Crowdsourcing: The Johnny Cash Project

Auf thejohnnycashproject.com ist Johnny Cash quicklebendig. Für den Titel ‘Ain’t No Grave’ von seinem letzten und in diesem Jahr posthum veröffentlichten Album ‘American VI: Ain’t No Grave’, das er kurz vor seinem Tod eingespielt hat, bastelt dort nämlich eine Community aus freiwilligen Netzeinwohnern und Cash-Fans an einem Musikvideo unter der Leitung von Regisseur Chris Milk (auch verantwortlich für das interaktive Video ‘We Used To Wait’ von Arcade Fire, das auf sehr originelle Weise mit der Einbindung von Google Maps arbeitet), dessen 1370 einzelne Frames aus von den Nutzern übermittelten Zeichnungen bestehen. Und jedermann kann ein Teil davon werden, besondere zeichnerische Fähigkeiten sind keine Vorraussetzung. Die Webseite selbst bietet sogar das notwendige Tool an, um direkt im Browser den eigenen Beitrag anzufertigen, der dann in den Bewertungspool eingespeist wird:

Was macht das Interessante an einem solchen Projekt aus? Vielleicht, dass es die Prozesse, die im Mitmach-Netz überall auf einer dem einzelnen User eher unbewussten Makro-Ebene ablaufen (Kollaboration, das Teilen von Wissen, die Vermischung kommerzieller und unkommerzieller Interessen, klassisches Crowdsourcing, die Anhäufung von Personen mit gleichgelagerten Interessen auf bestimmten Plattformen) verbindet und auf einer konkreten, verdichteten und ‘anfassbaren’ Ebene abbildet, quasi eine Wasseroberfläche des dahinterstehnden Prozesses gezeigt wird, die jedermann in der Mittagspause angucken und genießen kann, auch ohne, dass er erst einmal tiefer einsteigen müsste: Ein drei Minuten-Musikvideo. Aus einzelnen Zeichnungen tausender verschiedener Nutzer:

Nach den Prinzipien, die bei der Erstellung des Videos zum Tragen kommen, funktionieren nicht nur die grundlegenden Strukturen des Netzes im Allgemeinen und Social Media und Crowdsourcing im Besonderen, sondern es gibt auch eine ganze Reihe weiterer Kunstprojekte, die das in ähnlich konkreter und beeindruckender Form auf den Punkt bringen: Der ‘YouTube-Chor’ mit dem Titel ‘Lux Aurumque’ etwa: 185 Nutzer aus 12 verschiedenen Ländern singen den Titel, graphisch eindrucksvoll aufbereitet fügt der Komponist Eric Whitacre das Ganze zu einem virtuellen Chor zusammen, dessen musikalische Gesamtdarbietung sich durchaus hören lassen kann:

Wirklich innovativ und neu an ‘Ain’t No Grave’ und dem Johnny Cash-Projekt ist dagegen die Tatsache, dass es geschafft wird, die kollaborativen Prozesses des Netzes abzubilden, ohne, dass das Ganze wie bei bisherigen Projekten dieser Art ein statisches Werk ergibt.

Es ist nämlich erstens dreifach interaktiv – interaktiv natürlich für den, der mitmacht und mittels einer Zeichnung ein Teil davon wird, aber auch für denjenigen, der die anderen Zeichnungen bewertet und somit entscheidet, was am Ende tatsächlich im größeren Kontext Video landet (beim Abspielen können Varianten jedes einzelnen Frames angeklickt und mit Rating versehen werden, es ist sogar möglich, den Prozess der Entstehung jeder Zeichnung nocheinmal als Extra-Video anzugucken, zusätzlich sind Metainformationen über den Zeichner, den Zeichenstil und die aufgewendete Zeit enthalten) und schließlich sogar für den einfachen Zuschauer, der via der Weboberfläche die Möglichkeit hat, über diverse Filterkriterien sich ‘seine’ ganz persönliche Variante zusammenzustellen: Willst Du die Top-Rated Bilder in Deinem Video sehen? Oder doch die eher abstrakten Varianten? Vielleicht willst Du die neuesten Einsendungen im Video angucken? Oder soll es zufällig generiert werden? Auch als eigentlich passiver Part des Projektes muss man Entscheidungen treffen.

Zweitens ist es aber auch, und das ist vielleicht noch wichtiger, lebendig. Zumindest für den Zeitraum, in dem das Projekt von den Machern weiter aktualisiert wird, verändert sich das Video mit jeder neuen Zeichnung, jeder hinzugefügten Einsendung ein kleines Stück weiter zu etwas Neuem. Die richtigen Worte dafür findet Mashable:

Yes, video may have killed the radio star, and the web might have killed the video star — but is there another kind of star on the horizon?

Johnny Cash, der trotz seiner eher im konservativen Genre verortbaren Musik einen sehr offenen Geist für neue Ideen und vor allem für aus der Mitte der Gesellschaft kommende Bewegungen hatte, wäre vielleicht sogar ein bisschen beeindruckt von dem, was das Internet mit seinem Song macht.

Michael Wagner schrieb am 25. Oktober 2010 zuEvents, Social Networks

Learning by doing

In meiner ersten öffentlichen Amtshandlung als Mitarbeiter des 13. Stocks durfte ich am Donnerstag, dem 21.10.2010 der Veranstaltung beesocial #1, organisiert von der Agentur beebop media, teilnehmen. Referenten waren Facebook Deutschland, vertreten durch Elke Rothbächer, sowie CALIDRIS 28 Deutschland, vertreten durch Julia Akra, die das Produkt Schwarze Dose 28 als Facebook-Usecase darstellten.

Viele interessierte Zuhörer, Copyright by Stefan Groenveld, http://www.stefangroenveld.de

Viele interessierte Zuhörer, Copyright by Stefan Groenveld, http://www.stefangroenveld.de

Als Erstes an der Reihe war Frau Rothbächer von Facebook. Diese referierte zunächst über die Möglichkeiten, die Facebook Unternehmen bietet, um sich zu präsentieren. Als Beispiele brachte sie unter anderem Starbucks sowie die „Wurstwasser“-Kampagne von Rügenwalder. Als aktuellstes Beispiel wurde dann auch die Chefticket-Kampagne der Deutschen Bahn angesprochen. Dies verknüpfte Frau Rothbächer geschickt mit den von Facebook gegebenen Werbemöglichkeiten, um die Bekanntheit bei der Zielgruppe sowie den Erfolg der Kampagnen/der Fanseiten zu steigern.

Im Rahmen von Starbucks wurden zum Beispiel Event-Ads vorgestellt, mit denen ein Event beworben und die Teilnahme in der Ad direkt bestätigt werden kann. Auch wurde in Ansätzen erklärt, wie die Werbungszuweisung dank der Likes vonstatten geht und dass man unter Umständen auf Facebook eine andere Zielgruppe anspricht bzw. ansprechen muss. Zu guter letzt wurde die Verknüpfung von Fanseiten mit Places-Seiten angekündigt, welche man ab Freitag Mittag auf sämtlichen Plattformen als Warnpostings (wegen schlechtem Design und Usability) lesen konnte. Alles in allem ein sehr marketinglastiger Vortrag, der vor allem ein Ziel hatte: Verkaufen von Ads.

Der zweite Vortrag war ein gelungener Usecase zum Thema Facebook Fanpages. Julia Akra stellte ihre Arbeit an der Seite von Schwarze Dose 28 vor. Sie hatte es geschafft, innerhalb von einem Jahr die Anzahl der Fans von 3.000 auf 25.000 zu steigern. Dies schaffte sie vor allem durch ihre Schlagfertigkeit und die freche Art zu schreiben. Sie stellte dar, wie sie ihre Postings konzipiert, wie sie auf kritischen Kommentare reagiert und wie das Zusammenspiel zwischen Vertrieb, vor allem mit dem Onlineshop, und ihrer Abteilung abläuft. Damit wurde anschaulich gezeigt, dass die Fanpage einen zwar kurzen, dafür aber großen Ausschlag der Besucherzahlen im Onlineshop erzeugte.

Kritische Kommentare auf der Seite werden von ihr zunächst mit Fachwissen pariert. Sie stellte aber auch einen Fall vor, bei dem der Fragende einfach nicht zufriedenzustellen war und zum Einen andere Fans für das Produkt in die Bresche sprangen und zum Anderen Frau Akra ab einem gewissen Zeitpunkt ironisch postete um die Diskussion zum Ende zu bringen.

Ihr Vortrag zeigte zwei elementare Punkte auf: Auf der einen Seite kann man durch persönliches Engagement sehr viele Fans generieren, da die Sympathie des Produkts hier unmittelbar mit der Sympathie zum Schreiber der Postings verbunden wird. Auf der anderen Seite wurde deutlich, dass Frau Akra keinerlei Vorgaben oder Richtlinien zur Verwaltung der Fanseite hatte. Somit durfte sie tun und lassen was sie wollte, was in ihrem Fall zu einem massiven Anstieg der Fans führte.

Der Vortrag von Julia Akra stellt somit ein wunderbares Beispiel dafür dar, dass man durch das Ausprobieren von Neuem, in diesem Fall eine Ausweitung der Kommunikationskanäle auf Facebook, nicht nur eine weitere, unter Umständen sehr loyale Nutzerschaft anspricht, sondern durch integrierte Kommunikation auch einen Return on Investment erzielen kann. Allerdings ist zu bemängeln, dass keinerlei strategische Planung eingesetzt wurde um die Fanseite voranzubringen. Im Fall von Schwarze Dose 28 hat dies zwar dennoch geklappt, was aber zum Einen an der Sympathie der Nutzer zum Schreibstil von Frau Akra, zum Anderen am Produkt selbst, welches ein junges und hippes Publikum anspricht, liegt.

Der gesamte Abend war also vollkommen im Zeichen von Facebook. Aufgrund der anwesenden Zielgruppe (vorwiegend Facebook-affine Personen) war der Vortrag von Frau Rothbächer inhaltlich zu flach. Auch von der späteren Resonanz in der Diskussionsrunde, in der sehr konkrete Fragen zur Nutzung von Fanseiten und Werbeanzeigen gestellt wurden, konnte man erahnen, dass die nötige Tiefe fehlte. Julia Akra konnte dies mit ihrem Vortrag wieder etwas wett machen, da sie nicht nur einen guten und erfolgreichen Usecase präsentierte, sondern zudem darstellen konnte, wie Marketing und Vertrieb effizient zusammenarbeiten können und somit die Arbeit von Social Media-Abteilungen einen Return on Investment liefern können.

Ich möchte mich auch noch einmal herzlich bei beebop media bedanken, die dieses Event wunderbar und professionell ins Leben gerufen haben. Im Gespräch mit Pedro Anacker, Geschäftsführer von beebop, und Sven Wiesner, Head of Social Media bei beebop, erfuhr ich, dass das nächste Event mit einer vorherigen Befragung der Teilnehmer geplant ist, wodurch der Wissensstand abgefragt und passende Referenten ausgewählt werden sollen. Dies ist meiner Meinung nach ein Schritt in die richtige Richtung und ich freue mich schon heute auf das nächste Mal.

Nicole Pingel schrieb am 18. Oktober 2010 zuEvents

Die große Kluft in der Medienlandschaft – Oder: Warum Totgesagte zum eigenen Henker werden

Medientage München – Eine Rückschau

Wie aufmerksamen Followern unseres Twitter-Accounts aufgefallen sein dürfte, war der der  13. Stock von Mittwoch bis Freitag der letzten Woche auf den Medientagen München unterwegs. Ziel war es, uns mit Branchen-Kollegen auszutauschen und vor allem über die neuesten Themen, Trends und Technologien des Online Bereichs zu erfahren und zu diskutieren. Einfach gemacht wurde es uns nicht.

Bereits innerhalb der ersten zwei Stunden der Eröffnungs-Veranstaltung kristallisierten sich die zwei Meinungsfronten heraus, die sich durch die gesamten Medientage ziehen sollten. Auf der einen Seite: die konservativen Vertreter der traditionellen Medien und Medienpolitik. Auf der anderen Seite: technologiebegeisterte, fortschrittliche Nutzer der neuen Medien und Vertreter der Internet-Branche. Symbolisiert wurden die Seiten durch Horst Seehofer (Ministerpräsident Bayern), der die Eröffnungsrede hielt und Dr. Mathias Döpfner (Vorstandsvorsitzender Axel Springer AG) als Keynote-Referent.

Die Schlüsse, die ich insgesamt aus den Medientagen 2010 gezogen habe, werde ich hier einmal erläutern:

1. Politik und Journalismus haben einen Traum: Die Rückgewinnung der Kontrolle über das Internet

Auf den Medientagen zeigte sich, dass sowohl Politik als auch Journalismus (vor allem Print) offenbar weit entfernt davon sind, am Puls der Zeit zu agieren. Dabei konnte man den Eindruck gewinnen, dass der Grund ein aktiver Protektionismus sei, der durch diese beiden Akteure aktuell geschaffen und aufrecht erhalten wird. Denn die neuen Technologien lösen wahre Existenzängste aus: In der Politik ist es die Angst vor der Erstarkung einer breiten, mit den neuen Medien vertrauten Öffentlichkeit, die sich die kollaborativen Medien zunutzemachen könnte, um sich gegen Entscheidungen der Politik zu stellen. Aber tatsächlich gelebte Demokratie? Machtverlust? Nein, danke! Daher reagieren viele Politiker mit einer Restauration der Werte und stärken den Teil der Bevölkerung, der sich gegen die digitale Welt stellt.

Ähnliches gilt für den Journalismus. Den meisten Journalisten geht es nicht um die Rettung des Mediums Papier. Es ist die Angst davor, dass professioneller Journalismus durch nutzergenerierte Inhalte immer weiter an Bedeutung verlieren, dass sich eine Art fünfte Gewalt im Staate entwickeln könnte, die nicht nur der Politik sondern auch den professionellen Journalisten auf die Finger schaut und ganz nebenbei auch noch ihre Erlösmodelle untergräbt.

So fallen sie immer wieder aufs Neue, die Buzzwords, die seit Wochen und Monaten durch die Medien geistern: Datenschutz im Internet, Netzsperre, Leistungsschutzrecht und Co. Sogar eine grundsätzlich verfügbare Löschtaste für Web-Inhalte wird da gefordert. Als Argumente für diese Forderungen nach wie vor gebetsmühlenartig wiederholt: Kinderporno, Nazi-Propaganda, Google News, Google Streetview. Achja: Google gilt übrigens noch immer als Staatsfeind Nummer Eins. Da kann ein Herr Schindler (Google Vice President, Northern & Central Europe) ein starkes Argument nach dem anderen aus dem Hut ziehen. Jemand muss ja die Verantwortung tragen für dieses Internet.

2. Mangelndes Technik-Verständnis verstärkt den Rückstand von Politik und Journalismus zusätzlich

Nie zuvor war ein Trägermedium der Medienlandschaft so komplex wie das Internet und computerbasierte Technologien im Allgemeinen. Noch nie zuvor war es außerdem so wichtig, Grundkenntnisse über die technologischen Zusammenhänge zu besitzen, welche diese Medien zu dem machen, was sie sind, um sie gesellschaftlich und medienpolitisch adäquat bewerten zu können. Hier sehe ich derzeit einen sehr großen Mangel, der meiner Meinung nach einen Hauptgrund für die große Kluft darstellt: Klassische Medienmacher haben zu wenig technologisches Interesse und Verständnis, um die Chancen der Technik für sich nutzen zu können und mit ihrer Hilfe neue Erlösmodelle zu etablieren.

3. Es mangelt an Medien- Web-Kompetenz

Auch inhaltliche Verständnisprobleme vergrößern die Kluft. Die Sorge um den Datenschutz und den gesellschaftlichen Einfluss der sozialen Medien hält viele Menschen vom Ausprobieren der neuen Möglichkeiten ab. Was ihnen dann fehlt sind geeignete Strategien dafür, wie man den technischen Fortschritt zu seinem eigenen Vorteil nutzen kann, ohne sich selbst zu schaden. Nur wer sich ins Wasser begibt, lernt das Schwimmen. Wer die neuen Medien nicht nutzt, lernt nicht mit ihnen umzugehen. Und schadet sich damit im Zweifel sogar mehr.

4. Auch die neue Generation junger Medienmacher steht den neuen Medien skeptisch gegenüber


Eher durch Zufall gerieten wir auf der Konferenz in die Auftaktveranstaltung der Jugendmedientage. Hier zeigte sich: Digital Natives in ihrer aktuellen Definition und Symbolik sind kein Massenphänomen. Fälle wie Y-Titty, (die sich ebenfalls auf dem Kongress vorstellten), in denen Jugendliche instinktiv digitale Inhalte erstellen, distribuieren und vermarkten (nach allen Regeln der Social Media Markting Kunst) stellen die Ausnahme dar, nicht die Regel. Warum ich das glaube?

Im Publikum der JMT saßen etwa 300 Jugendliche, die den Beruf des Journalisten anstreben. Erstaunlicherweise bot sich uns hier das gleiche Bild, wie in der Elefantenrunde einen Tag zuvor. Der adäquate und nutzenstiftende Umgang mit Facebook, StudiVZ und Co. ist auch den „jungen Menschen“ keinesfalls grundsätzlich angeboren: Da erzählt ein Mädchen von ihrer 18jährigen Freundin, die noch nie das Internet genutzt hat und erntet dafür zustimmenden Applaus. Unterm Strich zeigte sich, dass da eine neue Generation von Medienmachern heranwächst, die ihren Vorgängern stark zu gleichen scheint. Es scheint möglich, dass die Probleme der Vorgänger übernommen und weitergetragen werden, da neue Technologien und Nutzungsformen allzu skeptisch betrachtet werden und sich so Innovationen und neue Erlösmodelle nicht etablieren können.

Fazit:

Sollten die Eindrücke, die man auf den Medientagen gewinnen konnte, die Realität widerspiegeln, wird der Abstand zwischen klassischen Medien und IT- und Internet-Branche immer größer. Und es scheint, als wäre der Journalismus dabei sich sein eigenes Grab zu schaufeln, wenn er nicht beginnt, die neuen Medien umfassend einzusetzen und zu seinem Vorteil zu nutzen.

“Lange Zeit mussten die Onliner von den Offlinern lernen, mittlerweile ist es umgekehrt.”Sebastian Metzner von TrendONE im Panel Augmented Reality

Das Feedback der Twitter-Gemeinschaft, hier.

Und wer sich selbst ein Bild machen möchte: Hier gibt es die Mitschnitte der Gipfel und Panels in der Medientage Mediathek.